Was ist dran an der Arthrose-Lüge?

Pinocchio-Puppen auf italienischem Markt (Bildquelle: Pixabay)
Arthrose Luege Cover

Der Titel ist starker Tobak. Werden wir über die wahren Ursachen der Arthrose belogen? Beruhen die gängigen Arthrose-Therapien auf einer absichtlichen Täuschung?

Die Autoren wiegeln ab und krebsen zurück, wenn sie den Titel damit rechtfertigen, die Öffentlichkeit aufrütteln zu wollen. Dennoch: Die Übertreibung hat System. Die «Arthrose-Lüge» betitelt nicht nur das am 16. Oktober erschienene Buch, sondern auch schon ein Referat zum selben Thema, wovon ein Video auf YouTube seit Januar 2017 bereits über eine halbe Million Mal aufgerufen wurde.

Auch der Verkaufserfolg macht Eindruck. Amazon rückt den Bestseller gleich in drei Kategorien auf Rang eins. Und über 200 Kundenrezensionen loben die «Arthrose-Lüge» in den Amazon-Himmel (fünf Sterne). Umso drängender stellt sich die Frage: Was ist dran an der Arthrose-Lüge?

Biomechanik und Faszienforschung

Was ist die Arthrose? Auch Dr. med. Petra Bracht und Roland Liebscher-Bracht deuten die Arthrose als eine Verschleisserkrankung, wie die klassische Rheumatologie. Aber die Autoren bringen zwei Sichtweisen ins Spiel, die doch ein neues Licht auf die degenerativen Prozesse werfen.

Zum einen beschreiben sie den mechanischen Stress, der unter ungünstigen Bedingungen auf die Strukturen eines Gelenkes einwirkt, differenzierter, als man es anderswo lesen oder hören kann. Kann es sein, dass Roland Liebscher-Bracht mit dem Sachverstand des gelernten Maschinenbauingenieurs Aspekte entdeckt hat, die an der Biomechanik der Gelenkbewegung bislang übersehen oder vernachlässigt wurden?

Zum andern berücksichtigen die Autoren Erkenntnisse der modernen Faszienforschung. Sie vertreten die Auffassung, dass chronische Spannungserhöhungen in den Muskeln sowie Verfilzungen und Verkürzungen des Bindegewebes (Faszien) für die Entstehung einer Arthrose verantwortlich seien. Das ist eine diskussionswürdige These.

Tut die Arthrose wirklich weh?

Die Autoren werfen die Frage auf, ob der Schmerz einer Arthrose tatsächlich von der Arthrose, dem Verschleiss, dem Knorpelabbau herrühre. Der Zweifel ist umso berechtigter, als die Schwere des Gelenkverschleisses und die Stärke der Gelenkschmerzen keinen engen Zusammenhang haben. Jeder Rheumatologe kann von Patienten erzählen, die auf dem Röntgenbild eine Arthrose in fortgeschrittenem Stadium erkennen lassen, die aber die betreffenden Gelenke schmerzfrei bewegen und belasten können.

Dr. med. Petra Bracht und Roland Liebscher-Bracht haken hier ein und schreiben: «Der Knorpelverschleiss an sich kann genauso wenig Schmerzen verursachen wie eine kaputte Bandscheibe.» Das neue Paradigma von Liebscher & Bracht fusst auf der These einer Entkoppelung von Schmerz und Verschleiss – und entwickelt ein alternatives Erklärungsmodell für die Entstehung von Arthrose-Schmerzen.

Ein Ratgeber zur Selbstbehandlung

Obwohl es neue theoretische Grundlagen entwirft, will das Buch vor allem ein praktischer Ratgeber sein. Es ist für medizinische Laien und für Arthrose-Betroffene geschrieben.

Über 100 Seiten widmen sich der Selbstbehandlung. Das Programm umfasst Anleitungen zu Dehn-, Druck- und andersartigen Übungen sowie zu Faszien-Rollmassagen für vierzehn verschiedene Formen von Arthrose. Der Bogen spannt sich vom Kiefergelenk über die einzelnen Abschnitte der Wirbelsäule und die verschiedenen Arthrosen im Bereich der Schultern, der Arme und der Hände bis zu den zwei OP-Klassikern Hüft- und Kniearthrose sowie den Arthrosen im Bereich der Füsse. Hinzu kommen Empfehlungen zu einer Ernährungsumstellung einschliesslich einiger Rezepte.

Stärken und Schwächen des Buches

Das Buch «Die Arthrose-Lüge» bringt frischen Wind ins Thema und bietet eine horizonterweiternde Lektüre, praktische Tipps und ein detailliertes Übungsprogramm.

Die Autoren pflegen eine gut verständliche Sprache und formulieren einige scharfsinnige Kritik an manchen Erklärungsansätzen und Denkmustern der herkömmlichen Rheumatologie und Schmerztherapie. Anregungen ebenso wie Bestätigungen schöpfen die Autoren offenkundig aus dem Austausch mit Therapeuten und Medizinern, die sich bei ihnen in der manualtherapeutischen Schmerzakutbekämpfung namens Osteopressur weiterbilden.

Unverständlicherweise erwähnen die Autoren zwar einige Studien (namentlich zur Kontroverse um die Knorpelregeneration), verzichten aber ganz auf Quellenhinweise. Über die Evidenzbasierung ihrer Theorien und Therapien vermag man kein genaues Bild zu gewinnen. Zudem sind manche Themen wie zum Beispiel die «Übersäuerung» der Gelenke nur oberflächlich ins Ganze eingewoben.

Alles in allem wünschte man sich eine gründlichere und ausgewogenere Auseinandersetzung mit Gegenpositionen der medizinischen Lehre. Auch ein populärwissenschaftliches Werk sollte mit den Mitteln der Rhetorik und Polemik nur würzen. Gleichwohl stellt die «Arthrose-Lüge» eine beachtliche publizistische Leistung dar, überblickt man die landläufigen Darstellungen zu diesem Krankheitsbilde.

Und: Das Werk wirkt wie eine frische Dusche gegen den verbreiteten Fatalismus, die Arthrose als einen unaufhaltsamen und unumkehrbaren Degenerationsprozess hinzunehmen, der mit dem Alter oder bei genetischer Programmierung automatisch komme.

Das besprochene Werk
Roland Liebscher-Bracht, Dr. med. Petra Bracht: Die Arthrose-Lüge. Warum die meisten Menschen völlig umsonst leiden – und was Sie dagegen tun können, München 2017.

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