Gibt es eine Diät gegen Arthritis? (Teil 2)

Nahrungsmittel

Das Nein der streng wissenschaftlich argumentierenden Rheumatologie

Zwar mag niemand in Abrede stellen, dass eine ausgewogene und gesunde Ernährung  Rheumabetroffenen guttue. Aber eine therapeutische Wirkung habe sie keine. Die Ernährung sei nur eine Frage des Lebensstils, ein Lifestyle-Thema.

Diese Position ist offizielle Lehre der streng wissenschaftlichen Rheumatologie, begründet mit dem Fehlen stichhaltiger Beweise. Zu den Therapiemassnahmen bei entzündlichem Rheuma zählen in dieser Optik konsequenterweise keine Ernährungsempfehlungen. Die Ess- und Trinkgewohnheiten anzupassen und mit einer Ernährungsumstellung Erfahrungen zu sammeln, wird in einer Haltung von «Nützt’s nüt, so schadt’s nüt» dem Belieben der Betroffenen überlassen.

Eine dezidierte Umsetzung dieser Position findet sich auf der deutschen Webplattform «Rheumahelden» (online seit 3 Jahren). Unter den «acht Säulen» der Behandlung einer rheumatoiden Arthritis – (1) Medikamente, (2) Krankengymnastik, (3) Ergotherapie, (4) physikalische Therapie, (5) psychologische Hilfen, (6) Patientenschulung, (7) Sozialberatung und (8) Operationen – sucht man die Ernährung vergebens. 

Stattdessen taucht das Thema unter dem Navigationspunkt «Lifestyle» auf, um daselbst für therapeutisch bedeutungslos erklärt zu werden. «Fakt ist: Es gibt weder eine spezielle Rheuma-Diät noch wissenschaftliche Beweise dafür, dass eine bestimmte Ernährung rheumatische Beschwerden verbessern oder gar heilen (...) kann.»1

Die Probleme von Ernährungsstudien

Wie ist das Fehlen wissenschaftlicher Beweise zu verstehen, wo doch sowohl Betroffene wie Forscher von Nahrungsmitteln wissen, die die Krankheitsaktivität beeinflussen? Das Problem liegt in der Natur der Sache. Kaum eine Ernährungsstudie vermag die Anforderungen einer randomisierten kontrollierten Doppelblindstudie effektiv zu erfüllen.

  • «Randomisieren» bedeutet, die Studienteilnehmer nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufzuteilen, in eine Prüfgruppe (die das Medikament erhält) und in eine Kontrollgruppe (die ein Scheinmedikament [Placebo] oder sonst eine Therapie erhält). Unbekannte Faktoren mit möglichem Einfluss auf das Ergebnis verteilen sich auf diese Weise gleichmässig.
  • Als «kontrolliert» gilt eine wissenschaftliche Studie, wenn die Ergebnisse der Prüfgruppe mit denen der Kontrollgruppe verglichen werden.
  • Unter «doppelblind» versteht man, dass weder die Forscher noch die Teilnehmer wissen, welche Teilnehmer der Prüfgruppe und welche der Kontrollgruppe angehören.

Die randomisierte kontrollierte Doppelblindstudie ist die strengste Form wissenschaftlicher Beweisführung in der Medizin. Aber lässt sich dieses Studiendesign aus der klinischen Forschung auf Untersuchungen zur Ernährung anwenden?

Ernährungsstudien können zwei Gruppen bilden, deren Einteilung «randomisieren» (dem Zufall überlassen) und der Prüf- und der Kontrollgruppe unterschiedliches Essen vorsetzen bzw. vorschreiben. So verfuhren schwedische Forscher bei einer experimentellen Studie mit 56 Patienten mit einer aktiven rheumatoiden Arthritis. Die Prüfgruppe nahm traditionelle Mittelmeerkost zu sich, die Kontrollgruppe gewöhnliches Essen. Bei der Prüfgruppe zeigten sich nach 3 Monaten signifikante Verbesserungen.2

Doch auch dieser seltene Fall einer randomisierten kontrollierten Ernährungsstudie war keineswegs «doppelblind». Die Teilnehmer sahen und schmeckten, was sie assen. Das Wissen, dass man Teil der Prüf- oder Teil der Kontrollgruppe war, war nicht ohne Einfluss.

Ernährungsstudien haben es grundsätzlich schwer. Zum einen ist es nicht einfach, ausreichend viele Probanden zu rekrutieren, die bereit sind, ihren Lebensstil für mehrere Monate umzustellen. Täglich ein paar Tabletten zu schlucken, ist viel bequemer. Weitere Probleme sind die schwer kontrollierbare Befolgung (Compliance) der Diätvorschriften, die hohe Zahl der Studienabbrecher und die Finanzierung von Studien, die keinen Pharmainteressen dienen.

Aus diesen Gründen plädieren Mediziner und Ernährungsforscher wie Jens Kjeldsen-Kragh (Oslo) dafür, in der Ernährungsforschung vom «Goldstandard» der kontrollierten Doppelblindstudie abzurücken und Studien ohne Kontrollgruppe (single arm trials) eine Beweiskraft zuzuerkennen.3

Anmerkungen

  1. rheumahelden.de
  2. L. Sköldstam, L. Hagfors, G. Johansson: «An experimental study of a Mediterranean diet intervention for patients with rheumatoid arthritis», Ann. Rheum. Dis. 62: 208−214, 2003 (siehe Downloads)
  3. J. Kjeldsen-Kragh: «Mediterranean diet intervention in rheumatoid arthritis», Ann Rheum Dis 2003; 62: 193-195 (siehe Downloads)
Gemuese

Empfehlungen der Rheumaliga Schweiz

  • Eine ausgewogene Ernährung gehört wie die Bewegung und die Entspannung zu den Grundpfeilern einer gesunden Lebensweise.
  • Wenn Sie eine Ernährungsumstellung beabsichtigen, informieren Sie sich sorgfältig und misstrauen Sie übertriebenen Heilversprechen.
  • Reden Sie mit Ihrem Hausarzt oder Rheumatologen über eine geplante Ernährungsumstellung. Sie kann nach heutigem Wissen eine medikamentöse Therapie ergänzen, aber nicht ersetzen.

Stichworte