Gibt es eine Diät gegen Arthritis? (Teil 3)

Lachs

Das Jein der ernährungssensiblen Rheumatologie

Bei entzündlichem Rheuma spielen Eicosanoide eine zentrale Rolle. Das sind hormonähnliche Botenstoffe, die nicht im Blut zirkulieren, sondern von Zelle zu Zelle als Signalstoffe wirken. Man nennt sie deshalb auch Lokalhormone. Das erste Eicosanoid wurde 1936 entdeckt und Prostaglandin genannt, weil es in der Prostata (englisch: prostate gland) gefunden wurde. Später erkannte man, dass jede Zelle des menschlichen Körpers Eicosanoide bilden kann und es davon viele Arten gibt, wovon die Prostaglandine nur eine Gruppe darstellen. Noch immer werden weitere Eicosanoide entdeckt, doch die fundamentalen Einsichten scheinen gewonnen:

  • Eicosanoide können Entzündungsprozesse quasi ein- oder ausschalten.
  • Wichtig ist ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen entzündungsfördernden und entzündungshemmenden Eicosanoiden.
  • Und: Es gibt zwei Möglichkeiten, die Eicosanoide-Balance im Körper zu beeinflussen, über Medikamente und über die Ernährung.

Alle Eicosanoide setzen sich aus essenziellen Fettsäuren zusammen, die über die Nahrung aufgenommen werden müssen. Sie verteilen sich auf zwei Gruppen: Omega-3 und Omega-6. Über diese Nährstoffe wird intensiv geforscht und in Gesundheitsmagazinen viel geschrieben. Die für Personen mit entzündlichem Rheuma wichtigen Erkenntnisse lassen sich in aller Kürze und ohne Anspruch auf Vollständigkeit folgendermassen zusammenfassen.

Omega-6-Fettsäuren reduzieren

Der menschliche Körper bildet alle entzündungsfördernden Eicosanoide aus der Arachidonsäure (AA). Diese Omega-6-Fettsäure kommt in tierischen Lebensmitteln vor wie Schmalz, Fleisch, Wurst, Aufschnitt, Speck, Eiern, Butter, Rahm, vollfetten Milchprodukten und fetten Fischen. Gewöhnliches Essen (Mischkost) enthält beträchtliche Mengen an Arachidonsäure.

Personen mit entzündlichem Rheuma sollten die Zufuhr von Arachidonsäure auf ein Minimum beschränken. Zahlreiche Studien belegen, dass RA-Patienten, die fasten, schon nach zwei Tagen schmerzfrei werden können. Hauptverantwortlich für diesen Effekt ist wahrscheinlich die fehlende Zufuhr von Arachidonsäure aus der Nahrung. Wer fastet, drosselt die Eicosanoid-Produktion um zwei Drittel.1

Die Linolsäure ist eine an sich neutrale Omega-6-Fettsäure (nicht entzündungsfördernd). Je mehr man allerdings davon zu sich nimmt, desto mehr verdrängt sie die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren. Dies verschlechtert die Eicosanoide-Balance.

Besonders viel Linolsäure ist enthalten in Margarine, Distelöl, Sonnenblumenöl, Traubenkernöl, Nüssen, Samen und Kernen. Personen mit entzündlichem Rheuma sollten sich bei diesen Nahrungsmitteln mässigen.

Omega-3-Fettsäuren bevorzugen

Alle Omega-3-Fettsäuren sind Entzündungshemmer. Aus ihnen bilden sich antientzündliche Eicosanoide. Am meisten hat die Forschung über die folgenden beiden Omega-3-Fettsäuren herausgefunden.

Die dreifach ungesättigte Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure (ALA) hemmt die Bildung von Arachidonsäure (AA). Alpha-Linolensäure ist in Leinsamen, Raps, Portulak, Weizenkeimöl und Walnüssen enthalten, teilweise auch in grünen Pflanzen, Linsen und Sojaprodukten.

Die langkettige, mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäure namens Eicosapentaensäure (EPA) ist wohl der stärkste natürliche Entzündungshemmer. Sie kommt praktisch nur in Fischöl vor, vor allem in Fischen, die in kaltem Gewässer leben wie Hering, Makrele, Lachs, Thunfisch, Sardinen und Sardellen. Jedoch kann unser Körper auch selber Eicosapentaensäure bilden, und zwar mit Hilfe des Enzyms Delta-6-Desaturase aus der Alpha-Linolensäure (ALA). Studien belegen, dass der Konsum von Fischöl bzw. Eicosapentaensäure chronische Entzündungen hemmen kann. Der Effekt ist durchgängig nachweisbar.2

Ungesättigte und gesättigte Fettsäuren

Wer sich normal ernährt und regelmässig Fleisch isst, nimmt viel mehr Omega-6-Fettsäuren als entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren auf. Man schätzt das Verhältnis auf 10:1. Das ideale Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren liegt nach heutigem Wissen bei 3:1.

Zusätzlich zur Balance innerhalb der ungesättigten Fettsäuren (Omega-6- und Omega-3) scheint auch das Verhältnis von ungesättigten zu gesättigten Fettsäuren eine Rolle zu spielen. Gesättigte Fette haben einen schlechten Ruf und gelten als Dickmacher. Aber es gibt keine Hinweise darauf, dass Personen mit entzündlichem Rheuma sich prinzipiell fettarm ernähren sollten. Gerade wenn sie häufig Fisch konsumieren, nehmen sie nicht nur entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren (wie EPA), sondern auch ansehnliche Mengen gesättigter Fettsäuren zu sich.

Seitdem die medizinische Anti-Cholesterin-Propaganda schwer in Verruf gekommen ist, gibt es Ansätze zu einer Rehabilitierung gesättigter Fette. Schon seit den legendären Forschungen des amerikanischen Zahnarztes und Ernährungswissenschaftlers Weston A. Price (1879-1948) weiss man, dass die Ernährungsgewohnheiten gesunder Naturvölker (vor dem Einfluss der westlichen Zivilisation) ein deutliches Übergewicht an gesättigten Fettsäuren und einen sehr kleinen Anteil an ungesättigten Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren aufgewiesen haben.

Aufgrund der offenbar urmenschlichen Vorliebe für gesättigte Fette plädiert der Ernährungsforscher Christian Dittrich-Opitz dafür, zwei gesunde gesättigte Fettquellen zu neuen Ehren zu bringen: Rohmilchbutter und kaltgepresstes Bio-Kokosfett.3 Jedenfalls scheint das Kapitel Fettsäuren noch lange nicht geschlossen.

Ergänzende Ernährungsempfehlungen

Patienten mit entzündlichem Rheuma haben einen höheren Bedarf an Eiweiss (Protein). Empfohlen wird ein Mix aus pflanzlichem und tierischem Eiweiss, also sowohl Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Getreide und Pseudocerealien wie auch Fisch und (wenig) mageres Fleisch.

Weiter sollen Personen mit entzündlichem Rheuma auf eine reichliche Zufuhr von Antioxidantien achten. Dazu zählen Vitamine wie Vitamin C, Vitamin E und Betakarotin sowie Mineralstoffe wie Kupfer, Eisen, Zink und Selen. Untersuchungen zeigen, dass diese besser in natürlicher Form – in pflanzlichen Lebensmitteln – als über Nahrungsergänzungspräparate aufgenommen werden.

Zudem sollen Arthritis-Betroffene wenig Weissbrot, Konditoreiwaren und Reis essen. Diese Lebensmittel haben einen hohen glykämischen Index. Man vermutet einen Zusammenhang zwischen einem hohen Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie) und Entzündungen.4

Überblickt man die traditionellen Ernährungsweisen, so kommt die an Omega-3-Fettsäuren reiche Mittelmeerkost (mediterrane Ernährung) den Vorgaben einer entzündungshemmenden Ernährung ziemlich nahe.

Die Erfahrung der Betroffenen

Dass die Ernährung einen Einfluss auf rheumatische Entzündungen hat, bestätigen Umfragen unter Patienten. Gefragt, welche Nahrungsmittel gemäss ihrer Erfahrung Entzündungen auslösen, machen sie folgende Angaben: Fleisch (88%), Weizen (54%), Hafer (37%), Roggen (32%), Eier (30%) und Zucker (20%).5

Die Angaben zu Fleisch und Eiern erklären sich aus der reichlich darin enthaltenen Arachidonsäure, aus der sich entzündungsfördernde Eicosanoide bilden. Die Angaben zu Getreide und Zucker haben offenbar mit dem hohen glykämischen Index und dem Insulin zu tun, einem wichtigen Hormon des Zuckerstoffwechsels. Zudem hat eine faserarme, gluten- und eiweissreiche Ernährung ungünstige Auswirkungen auf die Darmflora, bis hin zu Entzündungsreaktionen.

Ernährung und Medikamente

Zahlreiche Evidenzen bestätigen, dass sich rheumatische Entzündungen durch die Ernährung sowohl anheizen wie dämpfen lassen. Die zentrale Rolle spielen dabei die Omega-6- und die Omega-3-Fettsäuren bzw. die sich daraus bildenden Eicosanoide.

Doch wie effektiv sind die Einflussmöglichkeiten der Ernährung? Nach heutigem Wissen reichen sie nicht an die Kontrolle heran, die man mit einer medikamentösen Therapie über chronische Entzündungsprozesse auszuüben vermag. Rheumatologen, die dem Thema Ernährung offen begegnen, beantworten die Frage nach einer Anti-Arthritis-Diät deshalb mit einem Jein. Sie formulieren Empfehlungen zur Ernährung bei entzündlichem Rheuma, aber formen daraus keine Therapie gegen entzündliches Rheuma, die den Vorrang der medikamentösen Therapie in Frage stellen würde.

Für diesen Vorrang spricht, dass die Ernährung «viel langsamer und weniger intensiv» wirke als die medikamentöse Behandlung, schreiben der Ernährungsmediziner Olaf Adam und die Rheumatologin Gudrun Lind-Albrecht in ihrem Buch über die Ernährung bei Morbus Bechterew.6 Deshalb könne auf Medikamente keinesfalls verzichtet werden, am wenigsten im Anfangsstadium. «Vielmehr ergänzen sich Arzneimittel und Nahrung», erklären die beiden Autoren und empfehlen, ab zwei Monaten nach Beginn einer medikamentösen Therapie zu versuchen, den Einsatz von NSAR herunterzufahren. Das Maximum der Entzündungshemmung durch die Ernährung werde nach 6 bis 12 Monaten erreicht; dann könne man zuweilen sogar Basismedikamente reduzieren.

Zahlreiche entzündungshemmende Medikamente teilen das Ziel einer arachidonsäurenarmen Ernährung. Sie wirken auf die Produktion von Eicosanoiden, um die chronischen Entzündungen unter Kontrolle zu bringen. Dies gilt namentlich für Aspirin, Cortison, COX-2-Hemmer oder Ibuprofen (letztere beiden zählen zu den NSAR). Die Ernährungs- und die medikamentöse Therapie setzen den Hebel nur an verschiedenen Stellen an.

Strategie der medikamentösen Therapie

Medikamente bekämpfen Entzündungen, indem sie die Enzymaktivität drosseln. Sie verhindern entweder auf dem Cyclo-Oxygenase-Pfad (COX) die Bildung von Prostaglandinen und Thromboxan – oder auf dem Lipo-Oxygenase-Pfad (LOX) die Bildung von Leukotrienen, Hydroxyfettsäuren und Lipoxinen. Dies sind alles Eicosanoide. Die Arachidonsäure bleibt dabei unbehelligt, ihre Zufuhr unhinterfragt.

Strategie einer arachidonsäurenarmen Ernährung

Eine geeignete Ernährung kann die Arachidonsäure (AA) in allen Körperzellen reduzieren. Die Absenkung des AA-Levels auf Zellebene beschränkt zwangsläufig die Bildung entzündungsfördernder Eicosanoide. Je weniger Arachidonsäure die durch Sauerstoffradikale aktivierten Enzyme vorfinden, desto weniger Eicosanoide können sie daraus bilden.

Die beiden Behandlungsstrategien geraten sich insofern nicht in die Quere. Die eine unterdrückt – medikamentös – die Bildung gewisser entzündungsfördernder Botenstoffe; die andere senkt über die Nahrungszufuhr den Nachschub für die ganze Entzündungsproduktion7

Anmerkungen

  1. L. Sköldstam, L. Hagfors, G. Johansson: «An experimental study of a Mediterranean diet intervention for patients with rheumatoid arthritis», Ann. Rheum. Dis. 62: 208−214, 2003 (siehe Downloads).
  2. P.E. Ballmer/A. Uster et al.: «Ist mediterrane Ernährung wirksam zur Prävention und Behandlung der rheumatoiden Arthritis?», Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin 2013/1, S. 11-15, hier S. 14.
  3. Christian Dittrich-Opitz: Befreite Ernährung. Wie der Körper uns zeigt, welche Nahrung er wirklich für Gesundheit und Wohlbefinden braucht, Emmendingen 2010, S. 66-69.
  4. «Wenn die Ernährung die Entzündung fördert», lupus, Magazin der Schweizerischen Lupus Erythematodes Vereinigung, 2014/1, S. 4.
  5. Giorgio Tamborrini, Raphael Micheroli: «Ernährung bei entzündlich-rheumatischen Krankheiten», info, Magazin der Schweizerischen Polyarthritiker-Vereinigung, Nr. 141, Oktober 2016, S. 5-8, hier S. 6
  6. Olaf Adam, Gudrun Lind-Albrecht: Gesund und gut essen. Ernährung bei Morbus Bechterew, Zürich 2012 (Schriftenreihe Nr. 13 der Schweizerischen Vereinigung Morbus Bechterew), S. 14. – Zu bestellen im Shop von bechterew.ch.
  7. Barry Sears: The Anti-Inflammation Zone, New York 2005, Kapitel 12, S. 207-224 («Eicosanoide: Die guten, die schlechten und die neutralen», PDF-Auszug in deutscher Übersetzung)
Gemuse

Empfehlungen der Rheumaliga Schweiz

  • Eine ausgewogene Ernährung gehört wie die Bewegung und die Entspannung zu den Grundpfeilern einer gesunden Lebensweise.
  • Wenn Sie eine Ernährungsumstellung beabsichtigen, informieren Sie sich umsichtig.
  • Reden Sie mit Ihrem Hausarzt oder Rheumatologen über eine geplante Ernährungsumstellung.

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