Corona und Rheuma: zurück zur Normalität?

Andrea Silvia Anna

Seit den Lockerungen des Corona-Lockdowns sind Läden, Restaurants, Märkte, Fitnessstudios usw. wieder offen. Aber weiterhin verunmöglichen die 2-Meter-Distanz-Regel und neuerdings detaillierte «Schutzkonzepte» ein normales Leben. Wie erleben Rheumabetroffene den Alltag unter diesen Bedingungen? Andrea Möhr, Silvia Meier und Anna Troelsen geben Auskunft – und Tipps für Betroffene.

Rheumaliga Schweiz: Wie wirken sich die Lockdown-Lockerungen auf deinen Alltag aus?

Silvia: Ich gehe wieder selber einkaufen, aber nicht so spontan wie vor Corona, sondern ich überlege mir genau, wann und wo.

Andrea: Ich gehe wieder in die Physiotherapie und bin sehr froh, dass ich wieder ins Inselspital zu meinen Arztterminen darf. Vorher war ich da als Risikopatientin nur für Infusionen und dringende Behandlungen zugelassen.

Anna: Die Lockerungen haben meinen Alltag nicht wirklich verändert, oder wenn, dann ins Negative. Jetzt hat’s wieder überall viele Leute, und man hat das Gefühl, sie müssten das Shoppen nachholen. Als Risikopatientin schätze ich die Gefahr einer Ansteckung für mich nicht kleiner, im Gegenteil, eher grösser ein.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Anna: Da ich in einem Einrichtungshaus arbeite, wo die geltenden Schutzmassnahmen nicht eingehalten werden können, muss ich nach wie vor zu Hause bleiben.

Andrea: Ich arbeite bereits seit Anfang März ganz im Home-Office, was für mich problemlos funktioniert. Ich werde frühestens ab Mitte Juni wieder für einzelne halbe Tage ins Büro arbeiten gehen.

Silvia: Ich arbeite komplett im Home-Office, skype regelmässig und habe, weil der Fotograf die Abstandsregel nicht hätte einhalten können, auch schon ganz allein ein Shooting mit mir durchgezogen, das war eine spezielle Erfahrung.

Gehst du wieder shoppen, auf Märkte, in Restaurants?

Anna: Nein. Der Bund sagt ganz klar, dass wir Risikopatientinnen nur unter Einhaltung besonderer Massnahmen arbeiten dürfen, und da ich nicht arbeiten gehen darf, fände ich es falsch, shoppen oder auswärts essen zu gehen. Ich meide die Öffentlichkeit nach wir vor.

Silvia: Heute Abend ist Premiere, ich treffe mich zum ersten Mal seit den Lockerungen wieder mit einer Freundin in einer Gartenbeiz, wo die Tische weit auseinanderstehen.

Andrea: Märkte und Restaurants sind mir noch zu riskant. Wenn ich mich sicher genug fühle, werde ich mir bei meinem ersten Shoppingcenter-Besuch einen Cappuccino und ein Gipfeli gönnen. Da freue ich mich schon heute drauf!

Wie fühlst du dich unter Menschen?

Andrea: Mein Puls steigt an, wenn sich Menschen in die Hände husten oder niesen, insbesondere in einem gut besetzten Bus oder Tram – da hatte ich schon vor der Corona-Pandemie jedes Mal ein mulmiges Gefühl.

Silvia: Wo’s eng wird – zum Beispiel beim Anstehen vor der Kasse – ist mir ein bisschen mulmig zumute. Ansonsten bin ich relaxed. Aber ich registriere die angespannte Stimmung vieler Menschen.

Anna: Ich gehe Menschenmengen aus dem Weg. Für mich war die Situation vor Corona nicht anders, ich musste immer aufpassen, nicht krank zu werden, und so sind für mich die Schutzmassnahmen eigentlich normal. Im Moment ist es für mich sogar einfacher, weil überall Desinfektionsmittel zur Verfügung steht und man sich allgemein mehr um die Hygiene kümmert.

Deine Wünsche an die Mitmenschen im öffentlichen Raum?

Silvia: Seid solidarisch mit den Risikogruppen! Haltet Abstand und wascht euch regelmässig die Hände!

Andrea: Neben dem Abstandhalten – was ich als wichtigste Verhaltensregel erachte – wäre ich froh, wenn im öV und an den grossen Bahnhöfen und Busstationen zu den Pendlerzeiten alle eine Maske tragen würden.

Anna: Wascht euch bitte, bitte regelmässig die Hände, auch wenn das Schlimmste überstanden scheint. Für uns Rheumabetroffene – speziell immunsupprimierte – sind alle zusätzlichen Erkrankungen, seien das virale oder bakterielle Infektionen, sehr mühsam, weil sie häufig einen Schub zur Folge haben.

Deine Tipps für andere Rheumabetroffene?

Anna: Lasst euch nicht verrückt machen! Befolgt die Hygienemassnahmen, wascht euch regelmässig die Hände und meidet Menschenansammlungen. Lasst euch ausserdem von anderen Leuten oder eurem Arbeitgeber nicht unter Druck setzen. Der Bundesrat informiert ganz klar, ab wann wir Risikopatienten wieder arbeiten dürfen, und bis dahin sind wir alle vor einer Kündigung geschützt.

Andrea: Mein Tipp, wenn man sehr viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen muss: Plane deinen Tag, setze dir realistische Ziele, lege Aufsteh- und Essenszeiten fest und plane auch Zeiten der Entspannung ein, wo man nichts «muss», sowie Bewegung an der frischen Luft. Ich schreibe am Vorabend auf, was ich mir für den nächsten Tag vornehme. So sind meine Tage strukturiert, es bleibt kaum Zeit zum Grübeln, und wenn ich schaffe, was ich mir vorgenommen habe, schenkt mir das zusätzlich ein gutes Gefühl.

Silvia: Zerbrecht euch nicht den Kopf über Corona, dafür räumt den Schutzmassnahmen genügend Priorität ein!

Du nimmst Immunsuppressiva. Wie stärkst du gleichzeitig deine Abwehrkräfte?

Anna: Ich schaue auf eine ausgewogene, gesunde Ernährung. Ausserdem gehören Präparate mit Vitamin C und D zu meinem täglichen Ernährungsplan.

Silvia: Ich ernähre mich nahezu vegetarisch und schaue, dass Zuckerbomben die Ausnahme bleiben. Zudem stärke ich mein Immunsystem mit regelmässiger Bewegung an der frischen Luft und im Wald. Ich gehe jeden Morgen in aller Frühe zwei, drei Stunden spazieren. Und ich lasse mir meinen Humor nicht nehmen!

Andrea: Über die Jahre habe ich herausgefunden, was mich gegen Infekte am meisten wappnet: ausreichender Schlaf, Entspannung und eine genügende Trinkmenge. Ich trinke viel Ingwer- und Kräuter-Tee und achte darauf, mir regelmässig die Hände zu waschen oder zu desinfizieren. Einmal pro Jahr checke ich meinen Impfstatus und lasse mich gegen die saisonale Grippe impfen.

Die Interviews wurden geführt zwischen dem 17. und 26. Mai 2020.

Andrea Möhr ist von einer Spondyloarthritis und einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) betroffen. Anna Troelsen hat eine Juvenile Arthritis, eine Skoliose sowie als Nebenwirkung der Cortison-Therapie eine Osteoporose. Beide engagieren sich im Betroffenenrat der Rheumaliga Schweiz.

Silvia Meier bloggt für die Rheumaliga Schweiz auf Instagram. Sie ist von einer Psoriasis-Arthritis betroffen.

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