Covid-19: «Ich persönlich empfehle, dass wir uns alle impfen lassen.»

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Covid 19 Impfampullen

Prof. Dr. med. Axel Finckh ist Epidemiologe und stv. Chefarzt der Rheumatologie an den Hôpitaux Universitaires Genève (HUG). Er erklärt, wann eine dritte Dosis angezeigt ist, mit welchen Medikamenten nach der Impfung pausiert werden sollte und wie sich der Impfstoff auf den Körper auswirkt.

Rheumaliga Schweiz: Wie wirkt die Covid-19-Impfung bei Personen mit einer Autoimmunerkrankung?

Axel Finckh: Eine Studie aus St. Gallen zeigt, dass die untersuchten Personen mit RA sehr häufig nach der ersten Impfung keine starke Immunantwort aufwiesen. Es braucht wirklich zwei Impfungen, damit sich diese signifikant erhöht. Nach der zweiten Impfung waren die Probanden etwa auf dem Niveau von gesunden Geimpften nach der ersten Dosis. Auch eine Studie aus Holland belegt, dass Personen mit einer Autoimmunerkrankung erst nach der zweiten Impfung mehrheitlich eine ausreichende Immunantwort haben. Eine Ausnahme sind Personen mit Rituximab. Allerdings muss man die Immunantwort auf Basis von Antikörpern auch etwas relativieren. Es gibt auch eine zelluläre Immunantwort und diese fällt bei Patientinnen und Patienten mit Rituximab höher aus als bei anderen. Das hat eine Studie gezeigt, die wir spitalintern durchgeführt haben. Es scheint also, als würde der Körper die niedrigen Antikörper kompensieren. Aber dieser zelluläre Wert wird bei der Bestimmung der normalen Immunantwort nicht berücksichtigt.

Rheumaliga Schweiz: Das BAG empfiehlt Menschen mit immunsupprimierender Therapie, mindestens einen Monat nach der zweiten Impfung die Antikörper bestimmen zu lassen. Bei welchen Werten sollte ein drittes Mal geimpft werden?

Axel Finckh: Das ist schwierig zu beantworten, da es mit dem jeweiligen Test zusammenhängt. In Lausanne und Genf, wo wir den Roche-Test benutzen, haben wir den Schwellenwert für eine ausreichende Impfantwort bei 300 festgelegt. In Basel benutzen sie den gleichen Test, haben aber den Wert auf 150 gesetzt. Beim Diagnostikanbieter Unilabs, der wieder einen anderen Test verwendet, liegt der Schwellenwert bei 1000. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt muss wissen, welches das protektive Niveau ist, das beim jeweiligen Test zur Anwendung kommt. Es bringt aber nichts, die Antikörper vor einem Monat nach der zweiten Impfung zu bestimmen, da diese bis dahin noch steigen. Wenn die Werte danach tief sind, sollte man sich noch ein drittes Mal impfen lassen. Sind sie sehr hoch, reichen zwei Dosen. Die Schwierigkeit liegt natürlich bei den Werten dazwischen.

Rheumaliga Schweiz: Kann die Impfantwort durch Absetzen der Immunsuppressiva beeinflusst werden?

Axel Finckh: In Bezug auf die Grippeimpfung hat eine Studie aus dem Jahr 2018 gezeigt, dass die Immunantwort um ca. 20 Prozent höher ausfällt, wenn man Methotrexat (MTX) nach der Impfung für zwei Wochen absetzt. Es stellt sich die Frage, ob dies auch für die Covid-19-Impfung gilt. In Amerika wird Betroffenen geraten, MTX vor und nach der Impfung eine Woche lang abzusetzen, vorausgesetzt, die Krankheit ist stabil. Gleiches gilt dort für JAK-Inhibitoren und Abatacept (Orencia®). In der Schweiz haben wir dazu keine Guidelines. Beim Absetzen besteht immer die Gefahr, dass die Krankheit wieder aktiver wird, was auch das Risiko für einen schweren Verlauf erhöht. Ich persönlich empfehle aber meinen Patientinnen und Patienten, dass sie bei stabiler Krankheit eine Pause machen.

Rheumaliga Schweiz: Gilt dies auch für andere immunsupprimierende Wirkstoffe?

Axel Finckh: Abatacept erniedrigt die Immunantwort ebenfalls um etwa 50 Prozent. In Kombination mit MTX liegt der Wert sogar noch tiefer. Für Patientinnen und Patienten mit diesen Medikamenten macht es Sinn, zu pausieren, wenn es die Krankheitsaktivität zulässt. Bei Rituximab ist das natürlich schwierig, weil es alle sechs Monate genommen wird. Aber mit Abatacept, wenn es subkutan verabreicht wird, geht das. TNF- oder IL-17-Hemmer beeinträchtigen als Monotherapie weder die Immunantwort, noch erhöhen sie das Risiko für einen schweren Verlauf. Anders sieht es aus, wenn sie in Kombination mit einer Basistherapie gegeben werden.

Rheumaliga Schweiz: Kann die Impfung einen Schub auslösen?

Axel Finckh: Ich kann nicht garantieren, dass nichts passiert. Aber es ist sehr selten, dass jemand, der in Remission ist, nach der Impfung eine aktive Krankheit entwickelt. In einer internationalen Studie mit Lupus-Betroffenen gaben etwa 3 Prozent der Teilnehmenden an, nach der Impfung einen Schub gehabt zu haben. Man muss hier aber sagen, dass Müdigkeit, Gelenk- und Muskelschmerzen oder Fieber auch normale Begleitsymptome der Impfung sein können. Somit ist es schwierig, das eine vom anderen zu unterscheiden. Eine andere Studie zeigte, dass sich der grösste Teil der befragten Personen mit einer Autoimmunkrankheit nach der Impfung stabil oder sogar besser fühlte.

Rheumaliga Schweiz: Ist mit Auswirkungen auf den Körper zu rechnen, wenn wir uns künftig regelmässig gegen Covid-19 impfen lassen müssen?

Axel Finckh: Jedes Mal, wenn wir in einen Zug steigen, können wir in Kontakt mit einem neuen Virus kommen, das unser Körper noch nicht kennt und gegen das er kämpfen muss. In der Theorie lassen wir uns alle zehn Jahre gegen Tetanus impfen, und das seit sechzig Jahren ohne Probleme. Ich sehe das mit Covid-19 ganz ähnlich. Der mRNA-Impfstoff, den man spritzt, bleibt nur kurze Zeit im Körper. Der Schmerz im Impfarm entsteht, weil die Zellen das mRNA aufgenommen haben und anfangen, das S-Protein zu produzieren. Darauf schickt der Körper die «Soldaten», unsere Immunzellen, die diese Zellen zerstören sollen. Ein paar Stunden später ist nicht einmal mehr auf Zellebene etwas vorhanden. Die Idee, dass mRNA in die Zelle eintreten und sich dann in DNA umwandeln würde, ist nach unserer Meinung unmöglich.

Rheumaliga Schweiz: Würden Sie in dem Fall allen, die können, die Impfung empfehlen?

Axel Finckh: Es gibt keinen perfekten Impfstoff. Vielleicht haben Sie gelesen, dass vor einigen Tagen erstmals ein Impfstoff gegen Malaria zugelassen wurde. Dieser wird sogar schon für den Nobelpreis gehandelt, dabei hat er eine Wirkungsrate von 30 Prozent. Für die Covid-Impfstoffe liegt diese bei 95 bis 97 Prozent, besonders in den ersten Monaten nach der Impfung. Über drei Milliarden Menschen wurden bis heute weltweit geimpft. Wir kennen den Impfstoff jetzt recht gut und es gab keine grossen Probleme damit. Ich persönlich empfehle, dass wir uns impfen lassen, damit wir bald einmal aus dieser schwierigen Zeit herauskommen.

Datum des Interviews: 3. November 2021
Autorin: Simone Fankhauser

Erklärung zu möglichen Interessenkonflikten
Axel Finckh ist beteiligt an einer von Moderna finanziell unterstützten Impfstudie der SCQM Foundation. Er gibt an, keine persönlichen Interessenverbindungen mit Impfbezug zu haben.

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