Auf dem Weg zur neuen Normalität

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Menschenmenge istock Foto jotily

Sind die vulnerablen Gruppen wieder auf sich selbst gestellt?

Auf der einen Seite erleben wir aktuell unbeschwerte Schritte in Richtung gesellschaftliches Leben und Freude an den zurückgegebenen Freiheiten. Auf der anderen Seite sind viele Menschen mit und ohne chronische Krankheiten angesichts der immer noch hohen Ansteckungszahlen alles andere als euphorisch.

Auch viele Rheumabetroffene sind wegen den weitreichenden Lockerungen besorgt. Wie können sie mit diesen Sorgen umgehen und für sich selbst einen Weg in eine neue Normalität finden?

Die Rheumaliga Schweiz hat mit zwei Rheumabetroffenen und der Psychologin Martina Berchtold-Neumann gesprochen.

Isabella

Isabella: Sie ist 22 Jahre alt, studiert Soziologie und arbeitet nebenbei im Verkauf. Wegen ihrer rheumatoiden Arthritis (RA) benötigt sie immunsupprimierende Medikamente. Isabella engagiert sich im Betroffenenrat der Rheumaliga Schweiz.

Peter

Péter: Schon im Alter von 19 Jahren ist er an der seltenen Krankheit Systemischer Lupus erythematosus erkrankt. Der Lupus hat auch seine Nieren geschädigt und machte zwei Nierentransplantationen notwendig. Péter arbeitet in einem Teilzeitpensum bei der Rheumaliga Schweiz.

Martina Berchtold

Martina: Als Diplompsychologin arbeitet sie oft mit chronisch kranken Menschen und berät Rheumabetroffene und ihre Angehörigen im Auftrag der Rheumaliga Schweiz

Schauen wir kurz zurück: Anfangs der Pandemie vor zwei Jahren waren die Risiko- oder vulnerablen Gruppen im Fokus der Schutzmassnahmen. Bei jeder Medienkonferenz wurde betont, wie wichtig ihr Schutz sei, und von diversen Seiten wurde mehr Solidarität in der Bevölkerung gefordert. Vieles war ungewiss und es herrschte grosse Verunsicherung.

Inzwischen wurden wirkungsvolle Impfstoffe entwickelt, die auch für Menschen mit Immunsuppressiva empfohlen werden. Die Schutzmassnahmen richteten sich nicht mehr an einzelne Gruppen. Alt und Jung waren von den Coronamassnahmen betroffen und entwickelten eigene Strategien, um mit der ungewohnten Krisensituation umzugehen.

Coronavirus: Bundesrat hebt Massnahmen auf – einzig Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr und in Gesundheitseinrichtungen sowie Isolation bleiben noch bis Ende März.
Schlagzeile vom 16. Februar 2022

Was war euer erster Gedanke, als die weitreichenden Lockerungen per 17. Februar 2022 verkündet wurden?

Isabella: Ich war überrascht, da eine Ansteckung für jemanden der Immunsuppressiva nimmt, viel gefährlicher sein kann, und dies nun nicht mehr wichtig erschien.

Péter: Die schnellen Lockerungen führen dazu, dass ich mich im Alltag noch mehr einschränken und schützen muss.

Martina: Oh je, habe ich gedacht: Jetzt wird die Selbstfürsorge für die eigene Gesundheit wieder ins Private verlegt und die grosse Anzahl chronisch körperlich kranker Menschen muss wieder selbst sehen, wie sie sich möglichst ohne grosses Ansteckungsrisiko durch den Alltag bringt.

Wie verändern die Lockerungen konkret euren Alltag?

Péter: Da mein Arbeitgeber vorbildlich auf die Schutzbedürfnisse der einzelnen Mitarbeitenden eingeht, kann ich weiterhin im Homeoffice arbeiten. Dennoch besteht auch zuhause ein erhöhtes Infektionsrisiko, weil mein Partner, der im Detailhandel tätig ist, von einem Tag auf den andern ohne Schutzmassnahmen arbeiten muss.

Isabella: Bei der Arbeit sind nun weder Maskenpflicht noch Plexiglas vorhanden. Im Verkauf bin ich so dem ungeschützten Kontakt mit den Kunden ausgesetzt. Auch die Uni findet wieder mehrheitlich in Präsenzunterricht statt und führt dazu, dass ich viel mehr unterwegs bin und mehr Leute sehe.

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Mit der Aufhebung der Massnahmen des Bundes entscheiden die Arbeitgebenden über das Arbeiten im Homeoffice und das Tragen einer Maske am Arbeitsplatz. Die Regeln in der Covid-19-Verordnung 3 zum Schutz besonders gefährdeter Arbeitnehmenden bleiben bestehen. Diese gilt noch bis 31. März 2022. Danach gilt das Arbeitsgesetz, welches die Arbeitgebenden verpflichtet, die notwendigen Vorkehrungen zum Schutz ihrer Mitarbeitenden vorzusehen.

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Was unterscheidet die neue Situation von der Zeit vor der Pandemie?

Martina: Wir haben es mit einem neuen Erreger zu tun, der die Menschheit weltweit nun im dritten Jahr in Schach hält. Das Tückische an diesem Virus ist seine Gefährlichkeit. Man kann ansteckend sein, ohne dass man sich krank fühlt (das ist bei Grippe z.B. nur bedingt so), und die langfristigen Folgen der Krankheit sind möglicherweise umfangreich. Das begründet unsere Vorsicht im Umgang mit dem Virus. Neu ist, dass Corona ein neues Bewusstsein in der Gesellschaft hervorgerufen hat. Auch der gesunde Mensch ist sich besser der eigenen Verletzlichkeit bewusst; Krankheit und Gesundheit sind gesellschaftliche Themen geworden. Schön wäre, wenn diese Erfahrungen nicht verloren gingen und gegenseitige Rücksichtnahme an der Tagesordnung bliebe, auch im Sinne einer Prävention im Hinblick auf weitere Pandemien.

Welche Sorgen beschäftigen euch längerfristig bezüglich Coronavirus?

Péter: Trotz Schutzmassnahmen und 3-fach-Impfung meinerseits fürchte ich mich vor einer Ansteckung. Besonders schwerwiegend wäre eine Schädigung oder sogar ein Verlust meines Transplantats. Ich fühle mich dem Spender und seiner Familie gegenüber verantwortlich und will mich bestmöglich schützen. Ausserdem beschäftigen mich die unabsehbaren Folgen einer allfälligen COVID-19-Infektion (Long COVID).

Isabella: Am Anfang der Pandemie wurde die Bevölkerung über Menschen mit Vorerkrankungen sensibilisiert. Nun scheint es, als wäre diese Gruppe etwas vergessen gegangen und als ob man aus der Situation nichts gelernt hat, obwohl man das Wissen hätte.

Mit welchen Ressourcen können Betroffene diesen Sorgen entgegenwirken? Und wie kann ihr Umfeld den Sorgen Rechnung tragen?

Martina: Einmal mehr sind die Betroffenen wieder auf sich selbst gestellt und müssen sich noch viel mehr schützen als in Zeiten vor der Pandemie. Das gelingt nur, wenn man selbst sehr genau weiss, was einem hilft und guttut. Darin haben Menschen mit chronischen Krankheiten schon viel Erfahrung und wissen, was ihnen bisher ganz individuell geholfen hat. Mit den neuen Ängsten rund um Corona geht es nun noch mehr darum, eigene Ressourcen zu erkennen, zu nutzen und zu pflegen. Ganz wichtig ist auch ein verständnisvolles Umfeld. Beispielweise sollten sich Personen aus dem eigenen Haushalt auch ausser Haus verantwortungsvoll verhalten und, wenn nötig, eine Maske tragen. Auch die Arbeitgebenden können auf spezielle Bedürfnisse eingehen und haben zudem die Pflicht, ihre Mitarbeitenden zu schützen. Suchen Sie das Gespräch mit Ihren Vorgesetzten, um individuelle Lösungen zu finden, und wenden Sie sich an Beratungsstellen wie zum Beispiel die kantonalen Rheumaligen, wenn Sie keinen Konsens finden.

Stichwort Eigenverantwortung: Was kann jede und jeder für seinen/ihren eigenen Schutz tun?

Isabella: Man ist weiterhin selbst für seinen eigenen Schutz und die Sensibilisierung des persönlichen Umfelds verantwortlich. Seid offen gegenüber Bekannten und Arbeitgebern und stellt das eigene Wohlbefinden an erste Stelle!

Péter: Ich trage in der Öffentlichkeit immer eine medizinische Gesichtsmaske mit hoher Schutzwirkung, fasse nichts an und verzichte aufs Händeschütteln. Im Detailhandel desinfiziere ich zuerst den Einkaufswagen und halte stets den empfohlenen Mindestabstand ein. Zuhause angekommen, wasche ich mir zuerst einmal gründlich die Hände.

Welche Erwartungen habt ihr an euer Umfeld?

Péter: Keine. Ich verstehe alle, die die Lockerungen herbeigesehnt haben, und freue mich, dass sie wieder unbeschwerter leben und ihre Freiheit geniessen können. Ich wünsche mir einfach mehr Verständnis und Toleranz anderen Mitmenschen gegenüber, denen die weitreichenden Lockerungen zu schnell gehen.

Isabella: Dem kann ich nur zustimmen.

Wie erlebt ihr gegenwärtig Begegnungen mit anderen Menschen in den ÖV, beim Einkaufen, im Büro oder an der Universität? Habt ihr schon kritische Reaktionen erlebt? Wie geht ihr damit um?

Péter: Bis jetzt habe ich glücklicherweise noch keine kritischen Reaktionen in der Öffentlichkeit erfahren. Ich würde die Person mit meinen Augen anlächeln, allfällige Reaktionen ignorieren und ihr einfach aus dem Weg gehen.

Isabella: Ich hatte schon ein paar wenige negative Kommentare, als ich in vollen Läden eine Maske trug, aber die meisten Leute haben es geschätzt, dass ich mich selbst und mein Umfeld immer noch zu schützen versuche.

Martina: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den viele vielleicht erst noch lernen müssen. Weniger auf das hören, was andere Menschen von uns denken, sondern das tun, was für einen selbst gut ist. Seinen eigenen Weg finden und gehen – natürlich nicht rücksichtslos gegen andere –, aber rücksichtsvoll sich selbst gegenüber.

Was bedeutet für euch «Normalität»? Ist es ein Zurück? Oder eher eine Neupositionierung?

Isabella: Ich finde es etwas erschreckend, wie schnell man den Wechsel gemacht hat und nun wieder jeden Morgen in einem überfüllten Tram sitzt. Ich hätte mir gewünscht, dass wir nach der Pandemie etwas anderes unter «Normalität» verstehen.

Péter: Meine Normalität ist, dass ich, bedingt durch die Schäden von Lupus und langjähriger Dialyse, keine Normalität mehr habe. Ich habe aber gelernt, aus jedem Tag das Beste zu machen.

Martina: Vielleicht können wir versuchen, uns mit der neuen Realität ein Stück weit «anzufreunden». Nicht im Sinne von «Alles ist gut.», sondern im Sinne von Akzeptanz. Wenn es mir gelingt, Dinge, die ich nicht ändern kann, zu akzeptieren, bin ich auch offener für mögliche Lösungsvorschläge und neue Ideen. Die neue Normalität wird für uns alle voraussichtlich in nächster Zukunft ein Leben mit dem Virus sein. Da werden noch viel Kreativität, Ideen, Offenheit für neue Entwicklungen und gegenseitige Toleranz notwendig sein. «Aus jedem Tag das Beste zu machen»: Das ist ein schönes, aufmunterndes Motto.

Datum des Gesprächs: 3. März 2022

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