Pseudogicht (CPPD Disease)

Die Pseudogicht zählt zu den unterschätzten rheumatischen Krankheiten, obwohl sie zu massiven Gelenkzerstörungen führen und das tägliche Leben der Betroffenen sehr erschweren kann. Erfahren Sie mehr über die Symptome der Pseudogicht und die Möglichkeiten, sie zu behandeln.

Was ist die Pseudogicht?

Die Pseudogicht ist eine gichtähnliche Gelenkerkrankung, die plötzliche heftige Schmerzen hervorrufen kann. Auslöser sind CCP-Kristalle (Calcium-Pyrophosphat-Kristalle), die vor allem das Knorpelgewebe verkalken. Der Fachbegriff für diesen Vorgang lautet Chondrocalcinose (Knorpelverkalkung). Die Chondrocalcinose selber ist beschwerdefrei (asymptomatisch); erst eine Entzündungsreaktion auf die CPP-Kristalle wird als eine Krankheit angesehen.

Kalk im Getriebe

CPP-Kristalle lagern sich in beiderlei Knorpelgewebe ab, sowohl im Gelenkknorpel wie auch im Faserknorpel, aus dem die Bandscheiben, die Schambeinfuge und die Menisken im Kniegelenk gebildet sind. Auch können sich CPP-Kristalle in der Gelenkschleimhaut (Synovialis), in Sehnen, Bändern und Sehnenansätzen ablagern, wie zum Beispiel in der Rotatorenmanschette der Schulter, ein häufig betroffenes Gelenk. Am häufigsten betroffen sind aber das Knie- und das Handgelenk.

Massive Auswirkungen

Die Pseudogicht verursacht nicht nur Schmerzen, sondern kann Gelenke zerstören. Gelenkzerstörungen im Knie oder Hüftgelenk verringern die Mobilität als Ganzes. Ein Befall von Händen und Schultern schränkt vor allem die Selbständigkeit bei alltäglichen Tätigkeiten wie Körperpflege, Ankleiden und Kochen ein.

Terminologie

Die fachsprachliche Bezeichnung für die Pseudogicht lautet englisch Calcium Pyrophosphat Deposition Disease (Calcium-Pyrophosphat-Ablagerungskrankheit), wofür mehrere Kürzel im Umlauf sind:

CPPDD – entspricht der offiziellen Krankheitsbezeichnung, wobei das erste D für Deposition (Ablagerung, nämlich von CPP-Kristallen) und das zweite D für Disease (Krankheit) steht.

CPDD – eine wenig gebräuchliche Nebenform, die CPP (Calcium-Pyrophosphat) auf CP verkürzt.

CPPD – mit nur einem D, das für Deposition (Ablagerung) oder Disease (Krankheit) stehen kann. Somit lässt sich dieses Kürzel ebenso auf eine beschwerdefreie CPP-Ablagerung (eine Chondrocalcinose) wie auch auf eine CPP-Kristallablagerung mit Entzündungsschmerzen (eine Pseudogicht) beziehen; in diesem Falle sollte man ihm zur Verdeutlichung einen Zusatz geben: CPPD Disease.

Zuordnungen

  • Im Hinblick auf die Bildung von CPP-Kristallen kann man die Pseudogicht den Stoffwechselkrankheiten zuordnen. Dies ist ein weit gefasster Sammelbegriff für verschiedenartige, mehrheitlich nicht-rheumatische Krankheiten.
  • Zudem zählt die Pseudogicht zu den Kristallarthropathien bzw. Kristallarthritiden. Diese kristallinen Gelenkerkrankungen bzw. Gelenksentzündungen bilden eine eigene Untergruppe innerhalb der entzündlichen Formen von Rheuma.

Verbreitung

Wie häufig ist die Pseudogicht?

Von einer Chondrocalcinose sind in der Schweiz zwischen 4 und 7 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen. Das sind ungefähr 500’000 Personen. Wie häufig die schmerzhafte Pseudogicht vorkommt, ist dagegen nicht bekannt. Jedenfalls ist die Pseudogicht viel seltener als die asymptomatische Chondrocalcinose.

Wer ist von der Pseudogicht betroffen?

An der Pseudogicht erkranken vor allem ältere Menschen: 6 Prozent der 60- bis 70-Jährigen, 30 Prozent der über 80-Jährigen. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.

Ursachen

Wie entsteht eine Pseudogicht?

Eine Pseudogicht entsteht, wenn CPP-Kristalle Entzündungsreaktion hervorrufen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Fresszellen (Makrophagen) des angeborenen Immunsystems. Sie «erkennen» die Kristalle und beginnen, sie zu fressen. Dabei setzen sie entzündungsspezifische Immunbotenstoffe (Zytokine) frei, die weitere Immunzellen anlocken. So verstärkt sich die Entzündung.

Das Ganze ist in der Regel eine selbstlimitierende Aufräumaktion. Die Entzündungen klingen auch ohne medikamentöse Behandlung ab, sobald die lokalen Kristallablagerungen hinreichend abgebaut wurden. Bilden sich neue Ablagerungen, können diese abermals eine Entzündungsreaktion auslösen.

Was verursacht eine Pseudogicht?

Über die Ursachen der Pseudogicht gibt es keine sicheren Erkenntnisse. Abgesehen von degenerativen Veränderungen in den betroffenen Geweben, geht man von einer Störung des Pyrophosphatstoffwechsels aus. Dabei wird vermehrt das Energiemolekül ATP (Adenosin-Triphosphat) zu anorganischem Pyrophosphat abgebaut. Dieses überschüssige Pyrophosphat verbindet sich mit Calcium zu Calciumpyrophosphatkristallen (CCP-Kristallen).

Da die Pseudogicht familiär gehäuft auftritt, vermutet man, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen, vor allem, wenn die Betroffenen früh im Leben erkranken und schwere Verläufe zeigen. Man bringt einzelne Genveränderungen (ANKH, ENPP1) mit der Pseudogicht in Verbindung, sowie andere genetisch bedingte Grunderkrankungen, die den Mineralstoffwechsel stark beeinflussen.

Zugrundeliegende Stoffwechselerkrankungen

Erkranken Personen unter 60 Jahren an einer Pseudogicht, sollte man immer die zugrundeliegende Stoffwechselerkrankung ausfindig machen und diese behandeln. Man spricht in diesen Fällen von einer sekundären Pseudogicht, abhängig von einer (primären) Grunderkrankung.

Überfunktion der Nebenschilddrüse (Hyperparathyreoidismus)
Eine Zellwucherung der Nebenschilddrüsen ist eine relativ häufige Ursache der sekundären Pseudogicht. Zum Problem wird, dass die Tumorzellen zusätzliche Mengen Parathormon produzieren. Dies erhöht den Calciumgehalt im Blut. Man nennt diesen Zustand eine Hyperkalzämie. Diese schädigt die Nieren und führt zu Kalkablagerungen in Gelenken und Weichteilen, bei gleichzeitiger Entkalkung der Knochen.

Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose)
Auch die Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose) kann eine Pseudogicht verursachen. Dabei handelt es sich um genetische bedingte Ablagerungen von Eisen in der Leber, in Gelenken, der Bauchspeicheldrüse und weiteren Organen. Ursache dafür ist eine übermässige Aufnahme von Eisen im Dünndarm. Die grösste Gefahr geht dabei von einer Leberzirrhose (Schrumpfleber) und ihren Folgen sowie einer Herzmuskelerkrankung aus.

Kupferspeicherkrankheit (Morbus Wilson)
Auch die seltene Kupferspeicherkrankheit (Morbus Wilson) kann eine sekundäre Pseudogicht hervorrufen. Die Betroffenen vermögen Kupfer aus der Nahrung nur ungenügend auszuscheiden. Dadurch kommt es zu Kupferablagerungen in der Leber und weiteren Organen.

Magnesiummangel (Hypomagnesiämie)
Eine weitere Grunderkrankung, die Pseudogicht verursachen kann, ist ein chronischer Mangel an Magnesium, dadurch hervorgerufen, dass der Körper im Darm oder in den Nieren zu wenig Magnesium aufnehmen kann. Die Ursache dafür liegt in erblich bedingten Störungen des Mineralstoffwechsels.

Gelenkveränderungen

Auch Gelenkfehlstellungen können zu einer Pseudogicht führen. Diese können angeboren oder durch einen Unfall oder eine Operation verursacht worden sein. Auch Deformationen durch chronische Gelenksentzündungen, zum Beispiel durch eine Rheumatoide Arthritis, zählen zu diesen Gelenkveränderungen.

Symptome

Die Krankheitszeichen einer Pseudogicht ähneln denen einer Gicht, auch in der Art und Weise, wie sie auftreten. Dem ersten Anfall oder Schub kann eine lange beschwerdefreie Phase der allmählichen Knorpelverkalkung vorausgehen. Diese Chondrocalcinose muss aber nicht zu einer Pseudogicht führen.

Die akute Pseudogicht

Im Akutfall kommt es plötzlich zu einer Gelenksentzündung und zu starken Schmerzen. Das betroffene Gelenk ist angeschwollen und warm, begleitet von einer Hautrötung, und nur noch eingeschränkt beweglich. Die Pseudogicht befällt im Unterschied zur echten Gicht primär grosse Gelenke, vor allem das Kniegelenk, aber auch kleinere Gelenke.

Die am häufigsten von einer Pseudogicht betroffenen Gelenke

  1. Kniegelenk
  2. Handgelenk
  3. Fingergelenke
  4. Schultergelenk
  5. Sprunggelenk

Die akuten Beschwerden einer Pseudogicht können sich unterschiedlich stark ausprägen. Sie klingen im Laufe eines Tages oder in einem Zeitraum von maximal vier Wochen wieder ab. Oft sind die Betroffenen danach längere Zeit ganz beschwerdefrei, ehe es zum nächsten Schub oder Anfall kommt.

Die chronische Pseudogicht

Die Pseudogicht kann einen chronischen Verlauf nehmen. Die Schmerzen in den Gelenken sind dann in der Regel weniger intensiv, können das tägliche Leben aber dennoch stark einschränken. Zu den weiteren Symptomen einer chronischen Pseudogicht zählen wiederkehrend hohes Fieber und ein allgemeines Krankheitsgefühl.

Eine chronische Pseudogicht kann zu einer Arthrose führen. Davon ist besonders das Kniegelenk betroffen.

Begleiterkrankungen

Man muss die Pseudogicht bei älteren Menschen häufig in einem multimorbiden Rahmen sehen, zusammen mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder degenerativen Gelenkerkrankungen wie der Arthrose. Wie Post-mortem-Studien zeigen, degeneriert das Knorpelgewebe im Bereich des Sprung- und Fusswurzelgelenkes häufig in dem Masse, wie sich CPP-Kristalle (Pseudogicht) oder auch Harnsäurekristalle (Gicht) darin ablagern.

Zu weiteren Begleiterkrankungen der Pseudogicht zählen chronische Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus und weitere Stoffwechsel- und Hormonstörungen, die auch als Grunderkrankungen einer sekundären Pseudogicht und als deren Risikofaktoren eingestuft werden.

Diagnose

Die Ärztin oder der Arzt erhebt die Krankengeschichte (Anamnese) und untersucht das betroffene Gelenk. Zudem kommen weitere diagnostische Verfahren zur Anwendung, um Verwechslungen mit anderen Formen von Rheuma (Gicht, rheumatoide Arthritis, Polymyalgia rheumatica, reaktive Arthritis, Arthrose usw.) auszuschliessen.

Labor

Zur Sicherung der Diagnose kann man das betroffene Gelenk punktieren, etwas Gelenkflüssigkeit (Synovia) abziehen und diese unter einem Polarisationsmikroskop anschauen. Die rautenähnlich geformten CPP-Kristalle lassen sich visuell eindeutig identifizieren. Der Kristallnachweis gilt als Goldstandard. Eine zusätzliche bakteriologische Untersuchung hilft, eine akute infektiöse Arthritis auszuschliessen.

Bildgebung

Erfahrene Rheumatologinnen und Rheumatologen erkennen CPP-Kristallablagerungen im Ultraschall oder auf Röntgenbildern. Diese zeigen feine streifige Verkalkungen in Längsrichtung der Knochen.

Behandlung und Selbsthilfe

Die akute Pseudogicht kann mit den gleichen Mitteln und Massnahmen behandelt werden wie die echte Gicht. Anders verhält es sich mit der chronischen Form.

Was tun bei einer akuten Pseudogicht?

  1. Kälteanwendung: Kühlen Sie das betroffene Gelenk mit einer kalten Kompresse oder Eispackung. Dabei darf das Eis nie direkt auf die Haut zu liegen kommen, weil dies das Gewebe massiv unterkühlen kann.
  2. Ruhigstellung: Versuchen Sie, das betroffene Gelenk zu schonen und nicht zu belasten. Ruhe kann helfen, die Symptome zu lindern.
  3. Schmerzmittel: Ibuprofen, Diclofenac und andere Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) reduzieren Entzündungen und Schmerzen. Bei kurzzeitiger Anwendung riskieren Sie kaum, dem Magen oder dem Herz-Kreislauf-System damit zu schaden.
  4. Flüssigkeitszufuhr: Trinken Sie ausreichend Wasser, um die Nierenfunktion zu unterstützen.
  5. Ärztliche Hilfe: Suchen Sie eine Ärztin oder einen Arzt auf, um eine geeignete medikamentöse Behandlung zu erhalten.

Die ärztliche Akuttherapie

Die Ärztin oder der Arzt behandelt die akute Pseudogicht vorwiegend mit Cortison, dem pflanzlichen Gichtmittel Colchicin oder Nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Diese Mittel sind oral einzunehmen. Einzig Cortison kann auch direkt ins geschwollene Gelenk gespritzt werden.

Zur Linderung kann es auch beitragen, wenn die Ärztin oder der Arzt mit einer Spritze oder Nadel Gelenkflüssigkeit (Synovia) abzieht. Diese Punktion ist für eine gesicherte Diagnose sowieso nötig.

Wichtig: Medikamente machen die anderen Massnahmen nicht überflüssig. Im Gegenteil, das Gelenk zu kühlen, es ruhigzustellen und allenfalls hochzulagern sowie genügend Wasser zu trinken, trägt zum Erfolg der medikamentösen Akuttherapie bei.

Wie lässt sich die Pseudogicht langfristig behandeln?

Es gibt kein Medikament, das die Bildung von CPP-Kristallen hemmen und somit die Verkalkung von Knorpelgewebe und Weichteilen aufhalten würde. Die einzige mögliche medikamentöse Strategie besteht darin, Entzündungsmechanismen zu blockieren mit dem Ziel, dass sich weniger häufig Schübe ereignen.

Medikamente

Zur Entzündungshemmung werden meist Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) in Begleitung eines magenschützenden Mittels und/oder Colchicin in niedriger Dosis angewendet. Bei fehlendem Ansprechen wird auf andere Medikamente zurückgegriffen wie Cortison, Methotrexat oder Hydroxychloroquin. Eine chirurgische Alternative besteht darin, die chronisch entzündete Gelenkschleimhaut eines betroffenen Gelenkes zu entfernen.

Magnesium

Erfahrungsgemäss kann die Zufuhr von Magnesium dazu beitragen, die Häufigkeit von Schüben zu senken. Der Magnesium- und der Calciumstoffwechsel hängen eng zusammen. Eine chronischer Magnesiummangel kann eine sekundäre Pseudogicht verursachen.

Grunderkrankung

Bei einer sekundären Pseudogicht muss die Grunderkrankung behandelt werden, sei dies eine Gelenkfehlstellung oder eine spezifische Stoffwechselerkrankung.

Hilfsmittel

Bei Gelenkschmerzen und Bewegungseinschränkungen in den Beinen erhöhen Badezimmergriffe, Duschhocker oder Gleitschutzstreifen am Boden die Sicherheit bei der Körperpflege. Schränkt die chronische Pseudogicht bereits die Funktion der Hände ein, erleichtern gelenkschonende und kraftsparende Hilfsmittel den Alltag. Zum Beispiel Griffverdickungen, Schreibhilfen oder ergonomische Küchenmesser, Flaschen- und Dosenöffner.

Prognose

Eine chronische Pseudogicht entwickelt sich individuell sehr unterschiedlich. Man sieht Verläufe mit langen beschwerdefreien Phasen ebenso wie häufige Schübe, die die Gelenke deformieren und zu einer Arthrose führen.

Prävention

Es gibt keine Empfehlungen dazu, wie sich einer Pseudogicht vorbeugen liesse.

Zusammenfassung

  • Die Pseudogicht ist eine gichtähnliche Gelenkserkrankung. Sie kann Gelenke plötzlich entzünden und langfristig zerstören.
  • Die Pseudogicht ist weit verbreitet, vor allem unter älteren Menschen.
  • Auslöser einer Pseudogicht sind winzige Kristalle, die sich im Stoffwechsel bilden und das Knorpelgewebe verkalken.
  • Die Akuttherapie der Pseudogicht unterdrückt die Entzündung und die Schmerzen.
  • Es gibt keine ursächliche Therapie der Pseudogicht. Die langfristige Behandlung beschränkt sich auf eine medikamentöse Entzündungshemmung.

Autor: Patrick Frei, Rheumaliga Schweiz
Fachliche Prüfung: Dr. med. Franz-Xaver Stadler, Facharzt FMH für Rheumatologie und Innere Medizin, im Ruhestand
Veröffentlichung:
09.01.2026