
Rheumatoide Arthritis (RA)
Die häufigste chronisch-entzündliche Form von Rheuma
Unter der rheumatoiden Arthritis (RA) versteht man eine schmerzhafte, chronische Entzündung mehrerer Gelenke. Sie ist die am häufigsten diagnostizierte entzündlich-rheumatische Erkrankung.
Die Entzündungsreaktion einer RA richtet sich vorrangig gegen die hauchdünne Innenauskleidung der Gelenkkapsel (Synovialis). Anfangs am häufigsten betroffen sind die Fingergelenke. Sie sind morgens steif und häufig geschwollen. Daneben können auch die Zehen und grössere Gelenke befallen werden. Die chronischen Entzündungen schränken die Funktion der betroffenen Gelenke empfindlich ein und können sie verformen und zerstören.

Über die Gelenke hinaus kann eine rheumatoide Arthritis verschiedene weitere Gewebe und Organe befallen, wie Sehnenscheiden und Schleimbeutel (beide ausserhalb von Gelenken), das Lymphgewebe, die Blutbahnen, das Herz, die Lunge oder die Augen.
Hinzu kommt sehr häufig ein allgemeines Krankheitsgefühl wie bei einer leichten Grippe. Die Betroffenen fühlen sich müde und sind leicht fiebrig. Oft bemerken sie auch eine Trockenheit der Schleimhäute. Die Erkrankung beeinträchtigt die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit der Betroffenen.
Terminologie
Rheumatoide Arthritis bedeutet wörtlich «rheumaähnliche Gelenksentzündung». Der Name wurde im 19. Jahrhundert eingeführt, um die RA von der Gelenkgicht abzugrenzen, deren andersartige Ursache (Harnsäurekristalle) damals herausgefunden wurde.
Chronische Polyarthritis oder kurz Polyarthritis ist eine älterer Name für die RA. Er bedeutet schlicht und einfach die gleichzeitige Entzündung mehrerer Gelenke. Dieser Name benennt insofern ein Symptom, keine Diagnose.
Verbreitung
Von einer rheumatoiden Arthritis ist ungefähr eine von 200 Personen betroffen. Das sind in der Schweiz gegen 45'000 Menschen. Frauen erkranken ungefähr dreimal so häufig wie Männer.
Ursachen
Ursachen und die Entstehung der rheumatoiden Arthritis sind bis heute nicht vollständig verstanden und werden in der Fachwelt kontrovers diskutiert.
Weitgehend einig ist man sich darin, dass es sich bei der rheumatoiden Arthritis primär um eine krankhafte Störung der Körperabwehr handelt, die von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird.
Die wichtigsten Zellen der Körperabwehr sind die weissen Blutzellen (Immunzellen). Sie trennen die Spreu vom Weizen, indem sie unter allen körpereigenen und fremden Zellen die nützlichen von den schädlichen, die guten von den schlechten Zellen unterscheiden. Die schlechten schalten sie durch Entzündung aus. Wenn nun diese weissen Blutkörperchen nicht mehr nur mit Krankheitserregern befallenes Gewebe entzünden, sondern irrtümlich auch gesundes Gewebe angreifen, dann wird von einer «Autoimmunität» ausgegangen. Bei der rheumatoiden Arthritis findet diese irrtümliche Entzündung von eigentlich gesundem Gewebe durch körpereigene Abwehrzellen vor allem in den Gelenken statt.
Mögliche Faktoren
Die Faktoren, die einen gewissen Einfluss auf die Ausbildung der Erkrankung haben, reichen von Vererbung über frühere Infektionen und Umweltfaktoren bis hin zu Hormonen und zur Ernährung. So sind mittlerweile über 20 Genveränderungen bekannt, die die Entstehung begünstigen, aber nicht allein für die Entstehung der Krankheit verantwortlich sind.
In der Schwangerschaft ist bei rheumatoider Arthritis eine Abnahme der Häufigkeit und Schwere von Schüben zu beobachten, was auf zusätzliche, hormonelle Einflüsse zurückgeführt werden konnte.
Ebenso sind gewisse Zusammensetzungen der Darmbakterien gehäuft bei rheumatoider Arthritis anzutreffen, was unter anderem auch durch die Ernährung beeinflusst wird.
Symptome
Meistens sind Grund- und Mittelgelenke an Fingern und Zehen betroffen, häufig auch grössere Gelenke wie Ellbogen, Schultern, Knie und Hüfte. Es können auch das oberste Wirbelsäulengelenk zwischen Schädel und erstem Halswirbel (Atlas), die Kiefergelenke und die Kehlkopfgelenke (Heiserkeit!) oder Organe wie die Lederhaut des Auges, das Brustfell oder der Herzbeutel entzündet sein.
Unbehandelt führt die dauerhafte Entzündung der Gelenke zu chronischen Schmerzen mit einer zunehmenden Schädigung von Knorpel, Sehnen und zuletzt auch Knochen. Neben dem Verlust von Kraft und Beweglichkeit kommt es zu einer Verformung der Gelenke.

Typisch sind ein Krankheitsbeginn zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr sowie ein schubartiges Auftreten der schmerzhaften Schwellungen in Verbindung mit einer ausgeprägten Steifigkeit der Gelenke am Morgen. Diese sogenannte Morgensteifigkeit lässt frühestens nach 30 Minuten, oftmals aber auch erst nach mehreren Stunden nach. Die schmerzhaften Gelenke fühlen sich prall und überwärmt an. Meist treten die Beschwerden symmetrisch, das heisst in beiden Körperseiten gleichermassen, auf.
Lunge und RA
Als eine Systemerkrankung beginnt eine rheumatoide Arthritis nicht zwingend in Gelenken. Die Entzündungsreaktionen können sich auch erst gegen das Bindegewebe (Interstitium) der Lunge richten, bevor sie auf Gelenke übergreifen. Man spricht dann von einer RA-ILD.
Die fünf Buchstaben stehen für eine interstitiellen Lungenerkrankung (ILD) im Zusammenhang mit einer RA. Dabei kann es sich um eine nachträgliche «Lungenbeteiligung» der RA handeln, oder die Lungenerkrankung kann der RA vorangehen.
Begleiterkrankungen
Eine Autoimmunerkrankung wie die rheumatoide Arthritis kann von weiteren Krankheiten begleitet werden. RA-Betroffene haben im Vergleich zu Nichtbetroffenen ein um 48 % erhöhtes Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Diesem Umstand gilt es bei der Behandlung der Grunderkrankung Rechnung zu tragen
Diagnose
Die Diagnose einer rheumatoiden Arthritis erfordert einige Erfahrung. Sie lässt sich nie allein aufgrund einzelner Blut- oder Röntgenbefunde stellen. Es bedarf des Zusammentreffens typischer Beschwerden und gewisser rheumatologischer Untersuchungsbefunde. Da die Gelenkschädigung bei rheumatoider Arthritis rasch fortschreiten kann, ist eine möglichst frühzeitige, gesicherte Diagnose wichtig.
Anamnese
Die systematische ärztliche Befragung einer Person zu ihrem Gesundheitszustand nennt man Anamnese. Diese bildet die Grundlage für die Diagnosestellung. Der Arzt oder die Ärztin benötigt nicht nur eine genaue Beschreibung der vorliegenden Beschwerden. Wichtig ist auch, welche Auswirkungen diese Beschwerden auf den Alltag der betroffenen Person haben, ob frühere Infektionskrankheiten vorliegen, ob die Beschwerden von der Tageszeit abhängig sind oder ob sich die Schmerzen in Bewegung oder in Ruhe verstärken.
Bei einem Verdacht auf rheumatoide Arthritis werden auch typische Begleitbeschwerden wie Fieber, Müdigkeit, steife Gelenke am Morgen (Morgensteifigkeit), Gewichtsveränderung und Trockenheit von Augen, Mund und Nase abgefragt. Ausserdem sind zur Diagnosestellung weitere Vorerkrankungen und Erkrankungen von Verwandten von Belang.
Körperlicher Untersuch
Beim körperlichen Untersuch wird zum einen nach den typischen Gelenksentzündungen und zum anderen nach Hinweisen auf andersartige Ursachen der Beschwerden gesucht. In mehr als 80 Prozent der Fälle können erfahrene Rheumatologinnen und Rheumatologen danach bereits die Diagnose stellen.
Ergänzende Untersuchungen
Anschliessend wird die Diagnose meistens durch ergänzende Labor,- Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen nochmals überprüft. Diese Untersuchungen schliessen andere Erkrankungen aus und lassen die Schwere und den wahrscheinlichen Verlauf der rheumatoiden Arthritis besser einschätzen.
Im Blutbild weisen erhöhte Entzündungswerte, die typischen Rheumafaktoren und Autoantikörper (Anti-CCP-Antikörper) auf eine hohe Krankheitsaktivität (einen Schub) und eine möglicherweise schlechtere Prognose für den Krankheitsverlauf hin.
Im Ultraschall wird nach einer verdickten Gelenkschleimhaut, vermehrter Gelenkflüssigkeit und Gelenkdurchblutung und insbesondere nach kleinen Schadstellen im gelenknahen Knochen gesucht. Diese Schadstellen werden Erosionen genannt. Die Erosionen und, falls vorhanden, auch ein durch die Entzündungsprozesse mitbegünstigter Knochenschwund (Osteoporose) werden in Röntgenbildern von Händen und Füssen festgehalten. Spätestens nach einem Jahr werden sie mit dem vorherigen Zustand verglichen. Dieser Vergleich zeigt, ob die Erkrankung unter Kontrolle ist oder ob die Behandlung intensiviert bzw. geändert werden muss.
In unklaren Fällen können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, etwa die laborchemische und mikrokopische Analyse von Gelenkflüssigkeit oder auch CT- und MRI-Untersuchungen. Zur korrekten Beurteilung der Ergebnisse aus Labor-, Ultraschall-, Röntgen- oder MRI-Untersuchungen braucht es erfahrene Rheumatologinnen und Rheumatologen. Schliesslich hängt von dieser Beurteilung die Entscheidung für die richtige Behandlung ab.
Behandlung und Selbsthilfe
Die medikamentöse Therapie
Das erklärte Ziel der medikamentösen Therapie bei rheumatoider Arthritis ist das Erreichen der Remission, das heisst, der Rückbildung der krankheitsbedingten Symptome. Schmerzen, Gelenksteifigkeit und Bewegungseinschränkungen werden unterbunden. Ausserdem sollen mit der Behandlung zukünftige Schäden und Fehlstellungen an den Gelenken sowie mehr oder weniger gefährliche Komplikationen wie Entzündungen an Haut (sog. Rheumaknoten), Augen, Brustfell, Herzbeutel und Blutgefässen (Vaskulitis) verhindert werden.
Basistherapie
Die rheumatoide Arthritis benötigt meistens eine sogenannte Basistherapie zur Dämpfung des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsuppression). Diese Basistherapie muss in der Regel über viele Jahre erfolgen, möglicherweise auch lebenslang, um wiederholte Rheumaschübe zu verhindern. Der Einsatz von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken (Immunsuppressiva), richtet sich nach der Schwere und Prognose der rheumatoiden Arthritis.
Natürlich wird die Wirkung dieser Basismedikamente durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt regelmässig kontrolliert. Bei Bedarf werden die Medikamente angepasst. Geachtet wird dabei auch auf mögliche Nebenwirkungen, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder auftretende Komplikationen.
Synthetische Immunsuppressiva
csDMARDs = conventional synthetic Disease Modifying AntiRheumatic Drugs
Zur Gruppe der Basistherapeutika gehören pharmakologisch sehr unterschiedliche Substanzen. Es handelt sich dabei um entzündungshemmende Medikamente, die – anders als NSAR und Corticosteroide – für RA-Betroffene langfristig deutlich weniger Nebenwirkungen haben.
Ein gewichtiger Vorteil dieser Basismedikamente ist zudem, dass sie nicht nur symptomatisch gegen Entzündung und Schmerzen wirken. Häufig können sie auch den eigentlichen Krankheitsprozess und die Schädigung der Gelenke bremsen oder gar stoppen. Ihr Nachteil ist, dass ihre Wirkung meistens erst mehrere Wochen oder sogar Monate nach Behandlungsbeginn einsetzt.
Das Basismedikament der ersten Wahl ist in der Regel Methotrexat. Je nach Situation werden auch Leflunomid, Sulfasalazin, Hydroxychloroquin und andere synthetische Immunsuppressiva angewendet, manchmal auch in Kombination.
Biologische Immunsuppressiva
bDMARDs = biologic Disease Modifying AntiRheumatic Drugs
Wenn es mit den synthetischen, also chemisch hergestellten Basismedikamenten nicht gelingt, Cortison schrittweise abzusetzen und gleichzeitig die Entzündung unter Kontrolle zu bekommen, werden Biologika eingesetzt.
Biologika sind in der Regel noch wirksamer in der Dämpfung des Immunsystems. Ein Immunsystem auf Sparflamme bringt allerdings auch ein etwas höheres Risiko für einen schwereren Verlauf bei allfälligen Infektionskrankheiten mit sich. Deshalb sind regelmässige ärztliche Kontrollen nötig. Zudem sollten RA-Betroffene den behandelnden Arzt oder die behandelnde Ärztin bei Fieber, Schüttelfrost oder anderen Anzeichen einer Infektion umgehend informieren.
Zu den Biologika gehören:
·TNF-Hemmer (Infliximab, Adalimumab, Etanercept, Golimumab und Certolizumab)
·IL6-Hemmer (Tocilizumab und Sarilumab)
·Antikörper, die gegen sogenannte B-Zellen gerichtet sind (Abatacept und Rituximab)
Die TNF-Hemmer schalten sowohl in den Gelenken als auch im übrigen Körper gezielt den sogenannten Tumor-Nekrose-Faktor alpha (TNFα) aus, einen der wichtigsten Entzündungsbotenstoffe. Die IL6-Hemmer und B-Zellen-Antikörper funktionieren nach demselben Prinzip, greifen aber an anderer Stelle hemmend in die Entzündungsvorgänge im Körper ein.
Januskinase-Hemmer
tsDMARDs = targeted synthetic Disease Modifying AntiRheumatic Drugs
Eine besondere, neue Art der Behandlung bieten auch zielgerichtete Kleinstmoleküle, bekannt als «small molecules». Diese wurden in den letzten Jahren in Form der sogenannten Januskinase-Hemmer (Tofacitinib, Baricitinib und Upadacitinib) in der Schweiz zugelassen. Auch sie dämpfen die Entzündung in Gelenken und anderen Geweben wirkungsvoll. Sie sind in ihrer Wirkung und in Bezug auf ihr Infekionsrisiko vergleichbar mit den TNF- und IL6-Hemmern aus der Gruppe der biologischen Immunsuppressiva. Weitere Wirkmechanismen werden fortlaufend erforscht.
Nicht-steroidale Entzündungshemmer
Herkömmliche Entzündungshemmer, sogenannte nicht steroidale Antirheumatika oder NSAR, sind Schmerzmittel mit Entzündungshemmung, aber ohne Cortisoneffekt. Zu ihnen gehören der Wirkstoff Diclofenac (bekannt als Voltaren®, Olfen® usw.), Ibuprofen (bekannt als Brufen®, Irfen® usw.) oder Mefenacid (bekannt als Ponstan®).
Aber auch Naproxen®, Piroxicam®, Acemtacin®, Etodolac® und andere NSAR haben ein sehr weites Anwendungsspektrum. Sie gehören deshalb zu den weltweit am meisten verschriebenen Medikamenten überhaupt.
NSAR reichen bei der rheumatoiden Arthritis in der Regel nicht aus, um die Krankheit in Schach zu halten. Sie werden lediglich als Begleitmedikamente im Sinne einer Reserve für akute Schübe eingesetzt. NSAR können längerfristig Schäden im Magen-Darm-Trakt, an den Nieren und am Her-Kreislauf-System verursachen.
Coxibe
Eine Sonderguppe der nichtsteroidalen Entzündungshemmer stellen sogenannte Coxibe dar. Zu den Coxiben gehören die Wirkstoffe Celecoxib oder Etoricoxib. Sie haben ein geringeres Magen-Darm-Risiko als herkömmlichenNSAR. Für die langfristige Therapie werden die behandelnden Rheumatologinnen und Rheumatologen aber immer nach Alternativen zu den NSAR mit ihrer begrenzten Wirkung und den höheren Langzeitrisiken suchen.
Opioide
Opioide sind aus Opium abgeleitete Schmerzmittel. Ihr Vorteil ist ihre starke Wirkung auf Schmerzen. Ihr Nachteil ihr Einfluss auf das zentrale Nervensystem. Sie verursachen häufig Schwindel, Übelkeit und ähnliche Nebenwirkungen. Zudem können sie zu einer körperlichen und seelischen Abhängigkeit führen. Durch eine RA bedingte Schmerzen können Opioide zwar lindern. Doch kann die Entzündung dabei unerkannt weiterschwelen und die Gelenke unbemerkt zerstören. Aus diesem Grund sollten Opioide bei rheumatoider Arthritis gemieden bzw. nur in ärztlich begründeten Ausnahmefällen eingesetzt werden.
Cortison
Akute Entzündungen in einzelnen, besonders stark betroffenen Gelenken können durch Injektionen mit sogenannten Corticosteroiden, vereinfacht als Cortison bezeichnet, sehr gut zum Abklingen gebracht werden. Cortison ist ein lebensnotwendiges, körpereigenes Hormon. Es wird in der Nebenniere produziert und übernimmt im Menschen verschiedene Aufgaben, unter anderem auch bei der körpereigenen Immunabwehr. In der Anfangszeit werden häufig fortwährende Behandlungen mit Corticosteroiden in Tablettenform gegeben. Sie wirken rascher und stärker als die oben erwähnten NSAR und bieten andererseits einen schnelleren Wirkungseintritt als Basismedikamente zur Unterdrückung des Immunsystems.
Corticosteroide können langfristig in mittlerer oder höherer Dosierung zu Übergewicht, Osteoporose, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit oder grünem und grauem Star führen. Es wird daher angestrebt, Corticosteroide innerhalb von 3 bis 6 Monaten mit Hilfe von Basismedikamenten schrittweise abzusetzen oder zumindest auf eine sehr niedrige Dosierung zu bringen, ohne dass die Entzündung wieder aufflammt.
Radioaktive Substanzen
Wirkt die medikamentöse Behandlung ungenügend oder wird sie nicht gut vertragen, kann auch die sogenannte Radiosynoviorthese zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um das Anfüllen eines oder mehrerer besonders stark betroffenen Gelenke mit einer radioaktiven Substanz mittels Spritze (Infiltration).
Die radioaktive Substanz wirkt stark gegen die Entzündung und bringt so die Gelenkschleimhaut zum Abschwellen. Sie verlässt den Körper rasch wieder auf natürlichem Weg (Urin), ohne Schaden anrichten zu können. Ist die Gelenkhaut stark angeschwollen, wird die Radiosynoviorthese in der Regel kombiniert mit einem vorgängigen chirurgischen Herausschälen der Gelenkschleimhaut (Synovektomie).
Operationen bei RA
Da die neuen Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems bei den meisten RABetroffenen zu einer ausreichenden Entzündungshemmung und zum Wiedererlangen einer guten Lebensqualität führen, sind operative Massnahmen heutzutage nicht mehr so häufig notwendig.
Die operativen Eingriffe reichen von einer Entfernung der Gelenkschleimhaut (Synovektomie), über Stellungskorrekturen und Versteifungen von Gelenken bis hin zum Kunstgelenk (Prothese), wenn nach Jahren allenfalls eine verfrühte Arthrose auftritt. Für derartige Operationen müssen in der Regel die herkömmlichen synthetischen Immunsuppressiva nicht abgesetzt werden. Hingegen sollten die biologischen Immunsuppressiva rechtzeitig vor Operationen pausiert werden. Vor einer geplanten Operation ist es ratsam, sicherheitshalber eine Rheumatologin oder einen Rheumatologen um Rat zu fragen, da auf chirurgischer Seite nicht unbedingt die notwendige Erfahrung mit Immunsuppressiva vorliegt.
Ergänzende Therapien
Zu den ergänzenden Therapien gehören unter anderen die Ergotherapie und die Phy- siotherapie. Sie werden beide ärztlich verordnet und tragen massgeblich zum Erfolg bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis bei. Daneben sind viele weitere, ergänzende Therapieformen denkbar.
Während die medikamentöse Basistherapie sowie die Physio- und Ergotherapie im Allgemeinen direkt nach der gesicherten Krankheitsdiagnose beginnen, kann es sinnvoll sein, weitere Massnahmen erst dann zu starten, wenn Sie dafür wieder empfänglich sind. Mit der Zeit entwickeln Sie ein besseres Gefühl für Ihren Körper und Ihre Krankheit. Sie lernen sich durch Fort- und Rückschritte besser kennen, können entscheiden, welche Therapieformen zu Ihnen und in Ihren Alltag passen, und ob Sie Zeit dafür haben. Ihre Therapeutinnen und Therapeuten stehen Ihnen dabei auch mit Ihrer Sachkenntnis zur Verfügung. Nehmen Sie sie daher nicht nur als Ausführende, sondern auch als Beratende und Coaches wahr.
Ergotherapie und Hilfsmittel
Ergotherapie ist eine bei rheumatoider Arthritis häufig beanspruchte Zusatztherapie. Die Ergotherapie vermittelt RA-Betroffenen ein nachhaltiges Verständnis dafür, wie die betroffenen Gelenke – insbesondere die Hand und Fingergelenke – richtig belastet werden. Dabei geht es wann immer möglich nicht um Verzicht, sondern um den Erhalt möglichst grosser Selbständigkeit bei bestmöglichem Gelenkschutz.
Physiotherapie und Bewegung
Bewegung ist bei RA zentral. Dabei ist es wichtig, dass das Training die Fähigkeiten und Vorlieben der Betroffenen berücksichtigt. Auch auf krankheitsbedingte Grenzen, Aktivitäten und Bewegungen, die im individuellen Fall schädlich sind, sollte geachtet werden.
Individuelles Training zusammenstellen
Mit Hilfe der Physiotherapie und eigenverantwortlichem Training zu Hause erhalten Sie Ihre Gelenke beweglich und stabil, Ihre Muskeln stark und die Ausdauer aufrecht. Ihren Trainingsplan besprechen Sie am besten mit Ihrem Physiotherapeuten oder Ihrer Physiotherapeutin. So können Sie Häufigkeit, Art, Intensität, Dauer und Ziele des Trainings genau auf sich zuschneiden.
Denken Sie daran, die Ziele und das Übungsprogramm regelmässig zu überprüfen. Denn die Entzündungsaktivität bei RA verläuft oft schwankend. Körperliche Aktivitäten und Sport können sich nur dann günstig auf die Erkrankung auswirken, wenn Sie dem aktuellen Entzündungszustand und den vorhandenen Funktionseinschränkungen angepasst werden. Erzwingen Sie nichts und hören Sie auf Ihren Körper.
Begleitend kann die Anwendung von Kälte, Wärme oder anderen, physikalischen Massnahmen (z.B. Ultraschall) bei Schmerzen und Muskelverspannungen helfen.
Herz-Kreislauf-Problemen vorbeugen
Eine Erkrankung wie die rheumatoide Arthritis kann weitere Krankheiten nach sich ziehen. So stellt eine aktive RA einen Risikofaktor für HerzKreislaufErkrankungen dar.
Es ist wichtig, solchen mit einem regelmässigen Ausdauertraining vorzubeugen. Führen Sie an 5 Tagen pro Woche jeweils mindestens 30 Minuten lang moderate, körperliche Aktivitäten aus. Dazu gehören Bewegungsarten wie zügiges Spazieren oder Velofahren an der frischen Luft. Aber auch Aktivitäten wie Gartenarbeit oder Treppensteigen bieten sich an.
Sie können Ihr HerzKreislaufTraining auch in Blöcken von mindestens 10 Minuten ausführen, die Sie über den Tag verteilen. Oder Sie bewegen sich an mindestens 3 Tagen pro Woche 20 Minuten lang intensiv, zum Beispiel auf dem Hometrainer, mittels Wasserfitness (zum Beispiel Aquafit), zügigem Gehen respektive Nordic Walking, Langlauf etc.
Mehr Informationen finden Sie beim Netzwerk Gesundheit und Bewegung Schweiz unter hepa.ch.
Muskelkraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Koordination
Zusätzlich zum Ausdauertraining sollten Sie an 2 Wochentagen Ihre Muskelkraft und Beweglichkeit trainie ren. Mit zunehmendem Alter empfiehlt es sich auch, regelmässig Übungen für Gleichgewicht und Koordination in Ihr Training einzubauen. Sie reduzieren dadurch Ihr Sturzrisiko substanziell.
Ernährung
Eine gesunde Ernährung ist in erster Linie in Menge und Zusammensetzung ausgewogen und abwechslungsreich. Idealerweise besteht sie zu mindestens zwei Dritteln aus Obst, Gemüse und Vollkornprodukten und zu maximal einem Drittel aus fettarmen Milchprodukten und mageren Proteinquellen. Es braucht also niemand ganz auf Fleisch zu verzichten. Doch sollte eine fleischlastige Ernährung vermieden werden.
Entzündungshemmende Lebensmittel bevorzugen
Es gibt Nahrungsmittel, die eher entzündungsfördernd wirken und andere, die als eher entzündungshemmend gelten. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen nach, dass die Reduzierung fettreicher Fleischmahlzeiten und dafür vermehrter Konsum von Fisch die Entzündungsprozesse im Körper leicht mindern können.
Ganz allgemein haben Omega-3Fettsäuren, wie sie in fettreichen Fischsorten sowie in Baumnuss, Raps und Leinöl vorkommen, einen hemmenden Effekt auf Entzündungsprozesse. Während etwa Sonnenblumenöl und Fleisch mit viel Omega-6-Fettsäuren respektive Arachidonsäure entzündliche Prozesse eher fördern.
Die Mittelmeer-Diät
Die sogenannte mediterrane Ernährung stellt eine gute Auswahl an eher entzündungshemmenden Elementen dar (Olivenöl, Fisch, viel Gemüse, Obst und Baumnüsse). Werden diese neben dem hohen pflanzlichen Nahrungsmittelanteil auch mit faserhaltigen Vollkornprodukten kombiniert, ist auch für eine gesunde Darmflora gesorgt. Wenn Sie sich bewusst auf entzündungshemmende Nahrungsmittel ausrichten möchten, kann eine spezialisierte Ernährungsberatung sinnvoll sein.
Kampf den überzähligen Pfunden
Verstärkte Beachtung verdient bei rheumatoider Arthritis auch das Körpergewicht. Starkes Übergewicht sollte mittel fristig vermieden und abgebaut werden, da es für die bereits angegriffenen Gelenke, im Besonderen auch für die Knie, auf Dauer eine zusätzliche Belastung darstellt. Sprechen Sie Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt auf Möglichkeiten zum Abnehmen an.
Wichtig ist, dass im Fall einer Ernährungsumstellung der Genuss immer noch einen hohen Stellenwert behält. Lassen Sie sich von einer diplomierten Ernährungsberaterin SVDE oder einem diplomierten Ernährungsberater SVDE beraten. Und selbstverständlich müssen umfangreiche Ernährungsumstellungen auch mit dem behandelnden Facharzt oder der behandelnden Fachärztin besprochen werden. Daneben sollte die Bewegung nicht zu kurz kommen.
Nahrungsergänzung
Eine Überlegung wert, besonders in einer entzündungsstarken Phase, kann der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln, Vitaminen und Spurenelementen sein. Hier sollten Sie nicht auf eigene Faust, sondern in Absprache mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer behandelnden Ärztin vorgehen. Es gibt die verschiedensten Kombinationen solcher Nährstoffe. Welche im individuellen Fall zur Deckung eines nachweislichen Mehrbedarfs sinnvoll sind, bedarf jedoch einer ernsthaften Abklärung.
Komplementärmedizin
Es werden viele Behandlungswege durch die sogenannte Alternativ- oder Komplementärmedizin angeboten. Sie reichen von pflanzlichen Mitteln (Phytotherapie) über traditionelle chinesische Medizin (TCM) und Homöopathie bis hin zu Bioresonanz. Bei einer eindeutig diagnostizierten rheumatoiden Arthritis reichen alternative Behandlungen nicht aus, um die Entzündung in den Gelenken unter Kontrolle zu bringen und Gelenkschäden mittel und langfristig zu verhindern. Einige pflanzliche Mittel oder auch Akupunktur lassen sich jedoch gut komplementär, also als Ergänzung zur verschriebenen Medikation einsetzen.
In der Regel führen Krankenkassen eigene Listen mit den durch sie anerkannten Therapeutinnen und Therapeuten. Daneben erlaubt das Erfahrungsmedizinische Register EMR die schweizweite Suche nach Fachleuten mit EMRQualitätslabel.
Der Einsatz komplementärer Methoden sollte unbedingt mit dem behandelnden Rheumatologen bzw. der behandelnden Rheumatologin abgesprochen werden. Denn es kann auch zu Wechselwirkungen zwischen synthetischen und pflanzlichen Mitteln kommen.
Mundgesundheit
Dank guter zahnärztlicher Versorgung und über die Jahre stark verbesserter Kariesprophylaxe verlieren die Menschen in Industrieländern heute viel seltener Zähne durch Karies. Hingegen ist die Parodontitis, in der Umgangssprache häufig als Parodontose bezeichnet, immer noch sehr weit verbreitet.
Auslöser der Parodontitis ist die bakterielle Plaque, auch einfach Zahnbelag genannt. Wird diese Plaque zu spät beseitigt, kommt es zu entzündlichen Reaktionen zuerst des Zahnfleisches, später dann auch des Kieferknochens.
Parodontologische Abklärung lohnt sich
Für RA-Betroffene ist es ratsam, jeden im Körper aufspürbaren, chronischen Entzündungsherd unter Kontrolle zu bekommen. Bei einer parodontologischen Abklärung erhalten Betroffene wertvolle Hinweise, wie sie ihre persönliche Zahnhygiene mit einfachen und ergonomisch angepassten Massnahmen optimieren können. Am besten qualifiziert für eine Parodontitis-Behandlung sind spezialisierte Zahnärztinnen und Zahnärzte, die Parodontologinnen und Parodontologen. Diese arbeiten meist mit gut ausgebildeten Dentalhygienikerinnen und Dentalhygienikern zusammen.
Psychologische Aspekte
Die rheumatoide Arthritis ist nicht nur eine vorübergehende gesundheitliche Störung. RA ist eine chronische Erkrankung, und sie verändert das Leben der Betroffenen entsprechend. In gewissen Phasen können Unsicherheit und Zukunftsängste grossen Einfluss auf das Befinden haben und sogar zu Depressionen führen.
Familie und Freundeskreis
Gespräche mit dem persönlichen Umfeld, Freunden und Familie, sind vermutlich für viele Menschen der natürlichste Weg, um in einer besonderen Situation Rat und Unterstützung zu erhalten. Nach der Diagnose einer rheumatoiden Arthritis ist eine offene und vertrauensvolle Kommunikation mit den Angehörigen eine wertvolle Stütze. Aber vielleicht stossen Sie mit solchen Gesprächen irgendwann an Grenzen. Möglicherweise möchten Sie mit Ihrem persönlichen Umfeld auch nicht immer wieder über die Krankheit sprechen. Oder aber Sie merken, dass Ihre Angehörigen bei gewissen Fragen genauso überfordert sind, wie Sie selbst. Und dass fachlicher Beistand sinnvoll wäre.
Holen Sie sich fachliche Unterstützung
Zögern Sie nicht, mit Ihrer Rheumatologin oder Ihrem Rheumatologen auch solche Themen zu besprechen und bitten Sie bei Bedarf um die Vermittlung einer kompetenten Fachperson aus der Psychologie oder Psychotherapie.
Auch der Kontakt zu einer Patientenorganisation, zum Beispiel der Schweizerischen Polyarthritiker-Vereinigung (SPV), oder zu einer Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein. Mehr Informationen erhalten Sie bei Ihrer regionalen Rheumaliga oder unter www.rheumaliga.ch/selbsthilfegruppen.
Prognose
Aufklärung und Achtsamkeit der Betroffenen, Anpassungen im Alltag und der frühzeitige Einsatz von Medikamenten haben die Prognose bei rheumatoider Arthritis in den letzten Jahrzehnten wesentlich verbessert. Während es für Menschen mit RA bis vor etwa 50 Jahren schlecht aussah, können heute die meisten Betroffenen dank einer ausgewogenen und regelmässig durch einen erfahrenen Arzt respektive eine erfahrene Ärztin abgestimmten Behandlung zu einer weitgehenden oder vollständigen Remission (Rückbildung der Symptome). Sie erlangen damit wieder eine hohe Lebensqualität und Selbständigkeit.
Text: Auszüge aus der Broschüre «Rheumatoide Arthritis» der Rheumaliga Schweiz, 2023
Redaktion: Dr. med. Hans Dieter Hüllstrung, Praxis Rheumaliestal, Liestal, Konsiliararzt Kantonsspital BL; Beatrice Liechti Laubscher BSc, Ernährungsberaterin SVDE, cleveress, Solothurn
Fachliche Beratung: Prof. Dr. med. dent., Dr. h.c., M. S. Anton Sculean, Klinikdirektor Klinik für Parodontologie, Bern
Online-Veröffentlichung: August 2026


