Trailrun Verbier
Teil 5
Das Finale
Der Tag, an dem der «Rheumarennclub» ins Ziel lief
Monate voller Vorbereitung, Trainingsfleiss und Vorfreude: Am Ende lief alles auf diesen einen Moment in den Walliser Bergen hinaus. Der Trailrun in Verbier am 12. Juli 2026: 28km und 1’700 Höhenmeter bildete den Höhepunkt einer Reise, die für Nadine und Stephanie als mutige Idee begann.
Die Wochen vor dem Start: Zwischen Knieschmerzen und Spitalaufenthalt
Nadine fühlte sich nach einem Probelauf bereit und emotional gerüstet. Doch dann passierte es beim Krafttraining: Weil sie einige Übungen zu langsam ausführte, stieg die Belastung massiv an. Die Quittung waren akute Knieschmerzen zwei Wochen vor dem Lauf. «Wir hatten alle Angst, dass sie nicht starten kann», erinnert sich Stephanie. Mit einer speziellen Knie-Bandage, Infrarot-Therapie sowie diszipliniert ausgeführten Stabilisationsübungen schaffte es Nadine dennoch an die Startlinie.
Bei Stephanie sah die Vorbereitung noch turbulenter aus. Eineinhalb Wochen vor dem Start musste sie wegen eines Infekts ins Spital. Sogar am Tag vor dem Lauf plagten sie die Nachwirkungen. Während Nadines Vorbereitung von Struktur geprägt war, merkte Stephanie, dass ihr ein klares Konzept fehlte: «Meine Trainingsart, auf den Bauch und den Körper zu hören, hat zum Teil sehr gut funktioniert, aber der Aufbau war niemals so gut wie bei Nadine.» Dennoch stand für Stephanie fest: Sie wollte sich den Start keinesfalls nehmen lassen.
Rennatmosphäre in den Bergen und die Nerven vor dem Start

Bereits am Freitagnachmittag reisten die beiden nach Verbier, um ihre Startnummern abzuholen und sich für das Rennen zu melden. Es waren bereits viele Läuferinnen und Läufer vor Ort; die Stimmung war entspannt.
Von der Nervosität blieben beide dennoch nicht verschont. Am Renntag war Nadine bereits um 4:00 Uhr wach, schaute zur Ablenkung die zweite Halbzeit des Schweizer WM-Spiels. Nach einem leichten Frühstück aus Joghurt, Granola-Müsli und Kaffee ging es schliesslich an den Startbereich.
Nadine und Stephanie ordneten sich bewusst im hinteren Teil des Feldes ein, um nicht zu schnell zu starten. Auf der Strecke lief jede ihr eigenes Tempo – schliesslich verlangt der Trail volle Konzentration.
Nadines Lauf: Fokus, Rhythmus und Blasen an den Füssen

Schon nach einem kurzen, flachen Stück ging es steil bergauf. Nadine packte die Laufstöcke aus und fand rasch einen Rhythmus. Zusammen mit einer Läuferin aus Belgien, die eine ähnliche Pace lief, durchquerte sie Wälder, lief an Flüssen vorbei bis hoch über die Baumgrenze auf steiniges Terrain. Trotz eines spürbaren Energietiefs vor dem zweiten Verpflegungsposten blieb die Motivation hoch: «Ich habe mich sehr auf das Hinablaufen gefreut.»
Das Downhill-Laufen hinterliess allerdings Spuren. Weil sie eine Sockengrösse zu gross gewählt hatte, um Druckstellen zu vermeiden, scheuerten die Socken beim Bergablaufen. Die Folge: Blasen an beiden Füssen. Der letzte Abschnitt auf dem heissen Teer im Dorf war hart, doch das Anfeuern der Zuschauer «allez, allez!» spornte an und trug sie ins Ziel.
Stephanies Lauf: Zwischen Abenteuer und harten Learnings

Für Stephanie wurde das Rennen zur echten Zerreissprobe: «Ich bin fünfmal gestorben. Wirklich. Ich bin sehr an meine Grenzen gekommen.»
Durch die fehlende Energie geriet sie rasch in einen Teufelskreis. Da Stephanie keine Gels verträgt, hatte sie auf feste Nahrungsmittel gesetzt. Doch unter der extremen Anstrengung auf der Strecke fiel ihr das Kauen schlicht zu schwer und sie konnte kaum etwas essen. Die fehlenden Kalorien und der Salzmangel führten zu einem spürbaren Energieeinbruch und enormem Durst. Zwischenzeitlich ging ihr sogar das Wasser aus, bis sie ihre Flaschen an einem kühlen Gebirgsbach auffüllte. Erst am nächsten Verpflegungsposten brachte etwas Sirup wieder Flüssigkeit und Zucker in den Tank.
Trotz der Strapazen verlor Stephanie nie den Blick für die gewaltige Natur auf fast 3'000 Metern Höhe: «Manchmal habe ich mich gefühlt wie eine Geiss. Die Szenerie war schon sehr eindrücklich.» Mit gezielten Zwangspausen sammelte sie immer wieder Kräfe. Nadine, die ihr Rennen bereits beendet hatte, wartete nach dem Waldstück auf Stephanie, um sie bei den letzten Metern zu begleiten. Unter Jubel beendete auch Stephanie ihr Rennen.
Die Zeit danach: Regeneration und Rheuma-Resümee
Nach dem Lauf gönnten sich beide Ruhe in den Bergen, Auslaufen bei einer Wanderung und eine Weindegustation. Während Stephanie kaum Muskelkater hatte, spürte Nadine die Oberschenkel deutlich. Auch Nadines Blasen benötigten wegen der Einnahme von Biologika und der damit verbundenen verlangsamten Wundheilung Zeit zum Abheilen.
In Bezug auf ihre rheumatischen Erkrankungen ziehen beide ein erstaunliches Fazit:
Bei Nadine gab es trotz der intensiven Belastung keinen Rheuma-Schub. Im Gegenteil: Durch das gezielte Training und den Muskelaufbau fühlt sich ihr Fussbereich heute sogar stabiler an. «Durch das Laufen habe ich wieder alles etwas aufgedehnt. Ich konnte auch meine Zehen wieder spreizen, was ich vorher gar nicht konnte», berichtet sie erfreut.
Auch Stephanie zieht eine durchwegs positive Bilanz, obwohl sie nach dem Lauf mit Abgeschlagenheit zu kämpfen hatte. Ihre zentrale Erkenntnis steht fest: «Mobilisierung ist das Nonplusultra! Man darf dem Körper etwas zutrauen, über Grenzen gehen und auch mal etwas wagen.»
Das nächste Ziel steht bereits fest
Mit dem Zieleinlauf in Verbier ist das Kapitel keineswegs abgeschlossen. Der Fitnessaufbau steht und das Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen ist geweckt. Für das kommende Jahr haben sich die beiden bereits ein neues Ziel gesteckt: den Lavaredo 20K in den Dolomiten am 24. Juni – 20 Kilometer und 1'000 Höhenmeter durch eine beeindruckende Bergkulisse.
Stephanie nimmt dafür wertvolle Erkenntnisse mit, um Training, Ausrüstung und Ernährung noch besser abzustimmen. Und Nadine zeigt sich dankbar für die eigene Entwicklung: «Vor einem Jahr hätte ich mir das niemals zugetraut. Ich konnte gerade mal zwei Kilometer am Stück rennen, ich wuchs über mich hinaus.»