
«Gute Versorgung
beginnt nicht erst in der Arztpraxis.»
Im Gespräch mit Annette Stolz, Geschäftsleiterin Rheumaliga Schweiz
Unsere Geschäftsleiterin Annette Stolz über Gesundheitskompetenz, die Bedeutung von Zusammenarbeit und die Rolle der Rheumaliga in der Versorgung von morgen.
Rheumaliga: Annette, du bist nun seit zwei Jahren Geschäftsleiterin der Rheumaliga Schweiz. Wie würdest du dein zweites Jahr zusammenfassen?
Stolz: Wenn das erste Jahr vor allem von Planen und Grundlagenarbeit geprägt war, konnten wir im zweiten Jahr vieles konkret umsetzen. Führung bedeutet für mich, langfristig zu denken und gleichzeitig konsequent zu handeln. Das heisst auch, den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen, die nicht immer einfach sind, die aber langfristig dazu beitragen, Menschen mit Rheuma bestmöglich zu unterstützen und gleichzeitig unser Gesundheits- und Sozialsystem zu entlasten.
Gerade weil rheumatische Erkrankungen in der Schweiz enorme persönliche und gesellschaftliche Auswirkungen haben, braucht es eine Organisation, die sich mit Ausdauer und Weitsicht für die Anliegen der Betroffenen einsetzt. Ich freue mich, dass wir als Rheumaliga im vergangenen Jahr wichtige Schritte in diese Richtung machen konnten.
Rheumaliga: Hilfe für Betroffene und Systementlastung zugleich, geht das überhaupt zusammen?
Stolz: Ja. Rheuma ist die Krankheitsgruppe mit den höchsten Verlusten an Lebensqualität. Für die Einzelnen bedeutet das vor allem persönliches Leid. Für das Gesundheitssystem wiederum bedeutet es: Je geringer die Lebensqualität der Betroffenen einer Krankheitsgruppe, desto höher sind die Folgekosten.
Wenn wir als Rheumaliga also Menschen dabei unterstützen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen, dann entlasten wir so auch das Gesundheits- und Sozialsystem.
Ich bin nämlich überzeugt, dass Menschen erstaunlich viel Kraft entwickeln können, wenn sie die richtigen Werkzeuge an die Hand bekommen und verstehen, was mit ihrem Körper passiert.
Rheumaliga: Die Rheumaliga vertritt 2.8 Millionen Menschen mit Rheuma in der Schweiz. Das ist eine der grössten Patientengruppen des Landes, vereinfacht gesagt: Jede dritte Person. Wo siehst du aktuell die grössten Herausforderungen in der Rheuma-Versorgung in der Schweiz?
Stolz: Erstens ist unser Gesundheitswesen stark von Silos geprägt. Das erschwert Menschen mit Rheuma die Orientierung und eine durchgängige Versorgung.
Zweitens fehlt es an gesundheitspolitischer Priorisierung von Rheuma, also von «muskuloskelettalen Erkrankungen», obwohl Verbesserungen in diesem Bereich einen grossen Skalierungseffekt für das gesamte System haben.
Und drittens haben viele Menschen mit Rheuma Schwierigkeiten mit ihrem Gesundheits- und Selbstmanagement. Schmerzen, Fatigue und weitere krankheitsbedingte Einschränkungen erschweren häufig eine ausreichende körperliche Bewegung. Dies beeinträchtigt stark die Lebensqualität und nimmt das Gesundheitssystem zusätzlich in Anspruch.
Rheumaliga: Du hast das Thema Grundlagenarbeit und Umsetzung erwähnt. Die Rheumaliga hat ihre Website grundlegend erneuert. Warum war dieser Schritt wichtig?
Stolz: Viele Betroffene suchen nach der Diagnose oder dann, wenn Schmerzen ihre Mobilität einschränken, nach verlässlichen Informationen, Orientierung und konkreter Unterstützung. Auch Fachpersonen finden bei uns Angebote, die ihren von Kostendruck und Bürokratie geprägten Alltag entlasten.
Unsere wissenschaftlich fundierten Inhalte lassen sich nun schneller finden und einfacher nutzen. Gleichzeitig schafft die neue Website die technische Grundlage dafür, unsere Angebote auch künftig nah an den Bedürfnissen von Betroffenen und Fachpersonen auszurichten.
Rheumaliga: Welche Bedürfnisse von Menschen mit Rheuma standen bei der Neugestaltung im Mittelpunkt?
Stolz: Eine Diagnose verändert nicht nur den Körper. Sie verändert oft den ganzen Alltag. Denn nach der Diagnose beginnt oft der schwierigste Teil: der Umgang mit chronischen Schmerzen, körperlichen Einschränkungen und vielen offenen Fragen, die den Rahmen eines Arzttermins schnell sprengen.
Viele Menschen verlieren zudem Vertrauen in den eigenen Körper. Genau in diesem Moment möchten wir Orientierung geben, weil wir wissen, dass Betroffene nicht nur medizinische Informationen suchen. Sie möchten verstehen, was die Erkrankung für ihr Leben bedeutet, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und welche nächsten Schritte ihnen helfen können. Unsere neue Website setzt genau hier an. Sie bündelt Bildungs-, Beratungs- und Bewegungsangebote an einem Ort.
Rheumaliga: Auf der neuen Website zeigt sich die Rheumaliga auch visuell in einem ganz neuen Erscheinungsbild. Was steckt dahinter?
Stolz: Bei uns finden alle, die mit Rheuma leben oder arbeiten, Unterstützung, den eigenen Weg trotz aller Herausforderungen weiterzugehen.
Sichtbar wird diese Idee auch im neuen Design. Das grafische Leitelement, das aus dem roten Kreis unseres Logos entsteht, symbolisiert diesen Weg nach vorn – die Hilfe für den eigenen nächsten Schritt – und begleitet die Nutzerinnen und Nutzer durch die Website. Ergänzt wird das Erscheinungsbild durch die neue Akzentfarbe Magenta, die das traditionelle Rot erweitert und für Zuversicht, Energie und Kraft steht.
Rheumaliga: Welche spezifischen Angebote der Rheumaliga möchtest du zusätzlich hervorheben?
Stolz: Unser Podcast «Rheuma persönlich» ist sehr beliebt. Seit dem Start des Podcasts wurden über beide Sprachversionen hinweg rund 80’000 Downloads erzielt, das ist natürlich eine grossartige Zahl. Ebenfalls bewährt haben sich unsere Broschüren zu spezifischen Krankheitsbildern, unser Mitgliedermagazin «forumR», welches sich an die rund 22’000 schweizweiten Mitglieder richtet, sowie unsere preiswerten Bewegungskurse vor Ort in der ganzen Schweiz.
Weniger bekannt, aber besonders essenziell, sind unsere kostenlosen, mehrsprachigen Beratungen durch unser interdisziplinäres Fachteam. Unser Fachteam besteht aus Ärzt*innen, Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen, Sozialarbeitenden, Psycholog*innen sowie Ernährungsberater*innen. Als unabhängiges Fachzentrum sind wir zudem eine Wissens- und Austauschdrehscheibe für alle, die mit Rheuma arbeiten, während wir gleichzeitig Menschen mit Rheuma eine nationale Stimme geben.
Rheumaliga: Welche Rolle übernimmt die Rheumaliga zwischen Betroffenen, Gesundheitsfachpersonen und anderen Akteuren?
Stolz: Die Rheumaliga versteht sich als verbindende Kraft im Versorgungssystem. Gleichzeitig verstehen wir uns als Begleiterin für Menschen mit Rheuma, die Orientierung schafft und Wissen vermittelt. Unser Ziel ist es nicht, Entscheidungen abzunehmen, sondern Menschen zu befähigen, ihren eigenen Weg informiert und selbstbestimmt zu gehen.
Gleichzeitig unterstützen wir auch Fachpersonen, beispielsweise Hausärzt*innen oder beratende hpr (Health Professionals Rheumatology) mit praxisnahen Fort- und Weiterbildungen und fördern den Austausch zwischen den verschiedenen Beteiligten. So tragen wir dazu bei, Versorgungslücken zu schliessen und die Zusammenarbeit im System zu stärken.
Rheumaliga: Worauf legt die Rheumaliga in der kommenden Zeit den Fokus?
Stolz: Ein wichtiger Schwerpunkt liegt für uns derzeit auf der Sensibilisierung zu Osteoporose, eine Knochenkrankheit, die ebenfalls zu den rheumatischen Erkrankungen zählt. Ab dem 50. Lebensjahr erleidet jede zweite Frau und jeder fünfte Mann im Laufe des Lebens einen Knochenbruch infolge von Osteoporose – gleichzeitig ist das vorhandene Wissen über Knochengesundheit in der Bevölkerung gering. Ab Oktober 2026 startet die Rheumaliga deswegen die erste nationale, dreisprachige Sensibilisierungskampagne zu Osteoporose in der Schweiz. Im Zentrum steht dabei unser neuer Osteoporose-Risiko-Check.
Gleichzeitig ist es uns ein Anliegen, Rheuma und die Rheumaliga sichtbarer zu machen. Denn Rheuma ist noch immer der blinde Fleck unseres Gesundheitssystems und als Gesundheitsliga leisten wir im Hintergrund Enormes. Wir bewahren uns unsere Bescheidenheit, aber wir dürfen und müssen mit unseren Dienstleistungen sichtbarer werden. Nur wenn das Gesundheitssystem die Wirkung unserer Arbeit kennt, können wir uns effektiv in die Versorgungsnetzwerke der Zukunft einklinken. Als ebenbürtige Partner auf Augenhöhe.
Ob ich mit dem Bundesamt für Gesundheit über unseren gesetzlichen Auftrag spreche, mit einer Chefärztin über Versorgungspfade und Arzneimittelzulassung in der Pädiatrie oder mit einem Mann, der gerade seine Rheuma-Diagnose erhalten hat – alle verdienen dieselbe Aufmerksamkeit und den gleichen Respekt. Für mich beginnt jede gute Zusammenarbeit immer damit. Ich bin überzeugt, dass niemand die grossen Herausforderungen allein lösen kann. Das gilt für Menschen mit einer chronischen Erkrankung genauso wie für Organisationen im Gesundheitswesen. Deshalb ist Zusammenarbeit für mich keine Option, sondern eine Haltung.
Ich habe grosses Vertrauen in die Fähigkeit von Menschen, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen – wenn sie das Wissen, die Unterstützung und die Ermutigung bekommen, die sie dafür brauchen. Genau dafür steht die Rheumaliga. Und genau dafür setze ich mich ein.
