Kolumnistin Natasa Ivancicevic

Aus dem Leben von ... 

Kolumnistin und Rheumabetroffene Natasa Ivancicevic erzählt.

Er ist ausdrucksstark und geht unter die Haut. Der diesjährige Schweizer Gewinnertext des Edgar-Stene-Schreibwettbewerbs. Lesen Sie die Geschichte der Betroffenen Natasa Ivancicevic, die mit 36 die Diagnose Hüftarthrose erhalten hat. Natasa wird alternieren die Kolumne im Betroffenenmagazin der Rheumaliga übernehmen und so einen Einblick in ihren Alltag als Rheumabetroffene mit seinen Höhen und Tiefen gewähren. Lesen Sie die Kolumne hier auch online. 

Autorin: Natasa Ivancicevic

Die Hüfte hat ein Gedächtnis

Juli 2026

Die Röhre summt. Vierzig Minuten. Nicht bewegen. Das Kontrastmittel kriecht ins Gelenk. Es brennt. Ein kleiner Brand in der Hüfte. Ich zähle die Sekunden. Ich verliere mich bei dreihundert. Coxarthrose. Das Wort ist kurz. Die anderen Wörter sind lang. Femoroacetabuläres Impingement. Subchondrale Zysten. Knochenmarködem. Osteophytäre Anbauten. Der Radiologe schreibt sie auf Papier. Die Wörter klingen wie Steine. Sie fallen in mich hinein. Sie bleiben liegen. Der Orthopäde sagt: «Bei der noch recht jungen Patientin». Jung. Das Wort ist ein Witz. Der Witz lacht nicht. Auf dem Heimweg halte ich am Rhein. Eine Bank. Ich sitze. Ich weine. Eine Joggerin läuft vorbei. Sie sieht mich. Sie sieht weg. Das ist Basel. Man schaut nicht hin. Man läuft weiter. 

Die Hüfte hat ein Gedächtnis. Sie erinnert sich an jeden Sprung im Tuch. An jede Drehung in der Luft. An jedes Mal, als ich dachte: Der Körper trägt mich. Jetzt trägt er nicht mehr. Jetzt trägt er nach. Das Brennen kommt nach dem Sport. Heiss, flüssig, unter der Haut. Das Stechen kommt ohne Warnung. Ein Messer, das niemand sieht. Das Ziehen ist dumpf und tief. Es wohnt im Knochen.

Das Zwicken ist ein Tier. Es beisst, wann es will. Meine Tochter fragt: Mama, machen wir Aerial Silk? Ich sage: Bald. Bald ist ein Wort ohne Boden. Man fällt hindurch.

Elternabend. Die Lehrerin spricht von Klassenfahrt. Wanderung. Vier Stunden. Mein Mann hebt die Hand. Wir kommen als Begleitung. Ich lächle. Das Lächeln ist eine Maske. Die Maske sitzt gut. Ich habe geübt. 

Meine Mutter hat Rheuma. Sie ist achtundfünfzig. Wenn ich ihr sage: Ich habe Arthrose, wird sie weinen. Ihre Tränen sind schwer. Ich kann sie nicht tragen. Ich trage schon genug. Im Büro sitze ich auf einem Ball. Die Kollegen denken: Sie achtet auf ihren Rücken. Die Wahrheit: Der Stuhl ist ein Feind. Das Aufstehen ist ein Kampf. Den Kampf sieht niemand.

Mein Mann fragt: Warum schläfst du nicht mehr auf der Seite? Ich sage: Weiss nicht, ist mir nicht aufgefallen. Die Lüge kommt schnell. Sie kommt leicht. Sie kommt jeden Tag. Die Seite ist verboten. Der Körper hat neue Gesetze. Ich gehorche. Ich habe keine Wahl. 

Mau kommt abends. Die Katze legt sich auf meine Beine. Ihr Gewicht ist warm. Sie schnurrt. Das Schnurren fragt nicht. Das Schnurren urteilt nicht. Das Schnurren ist das Einzige, was ich nicht vortäuschen muss. 

Der Professor wird entscheiden. Retten oder ersetzen. Das sind die Wörter. Das sind die Optionen. Das ist mein Leben. Sechsunddreissig Jahre alt. Die Hüfte erinnert sich an alles. An jeden Flug. An jeden Fall. Jetzt erinnert sie mich. Jeden Tag. Jeden Schritt. Jede Lüge. Diese Geschichte hat kein Ende. Sie brennt weiter. Sie sticht weiter. Sie zieht weiter. Jeden Tag.

Zur Kolumnistin

Natasa Ivancicevic, Aerial Hoop

Natasa Ivancicevic ist siebenunddreissig Jahre alt und lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und zwei Katzen in Birsfelden bei Basel. Tagsüber arbeitet sie als Texterin. Abends schreibt sie an ihrem ersten Roman. 

Sie erhielt im Oktober 2025 die Diagnose Hüftarthrose. Seitdem erinnert sich der Körper an jede Bewegung, die er nicht mehr machen darf. In ihrer Freizeit betrieb Natasa Ivancicevic leidenschaftlich Aerial Silk und Aerial Hoop – spektakuläre Akrobatiksportarten in der Luft, an Stoffbahnen oder einem schwebenden Ring. Seit der Diagnose muss sie darauf verzichten.

Noch mehr Lesestoff

Auch die Texte unserer zweiten Kolumnistin können Sie online lesen.