Rahel Cathomas mit ihren zwei Katzen in Brigels (GR)

Vollgas leben - trotz Rheuma

Leben mit rheumatoider Arthritis - Patientinnenporträt

Rahel Cathomas will ihr Leben nicht von ihrer rheumatoiden Arthritis bestimmen lassen. Vielfältige berufliche Tätigkeiten und ein Ferienhaus in Schweden helfen ihr dabei, mit Schmerzen und Ängsten umzugehen.

Als Rahel Cathomas im Herbst 2020 im Kantonsspital Graubünden die Diagnose «rheumatoide Arthritis» erhielt, waren sofort Erinnerungen an ihre Grossmutter da. Als Kind hatte sie diese nur krank erlebt: auf dem Sofa liegend, mit geschwollenen Gelenken, verkrümmten Fingern und Schmerzen. Polyarthritis hiess die Krankheit damals, mit der jetzt auch Rahel Cathomas konfrontiert war. Die Diagnose löste bei der damals 47-Jährigen grosse Ängste aus: Werde ich wie die Grossmutter nicht sehr alt werden? Werde ich chronische Schmerzen haben und schon bald nicht mehr arbeiten können? «Dabei wollte ich doch mindestens 90 Jahre alt werden», erzählt sie rückblickend mit einem Lächeln.

Angefangen hatten ihre Beschwerden schon etwa 15 Jahre vor der Diagnose. Ein Fingergelenk war manchmal plötzlich gerötet und schmerzhaft. Lange brachte Cathomas diese Symptome nicht mit dem Rheuma der Grossmutter in Verbindung, zumal sonst niemand in der Familie an der Krankheit litt. Als im Frühling 2020 ihr Handgelenk mehrmals stark geschwollen, steif und sehr schmerzhaft war, suchte sie ärztliche Hilfe und wusste danach um ihre rheumatoide Arthritis.

Familie, Freunde und Arbeit

Rahel Cathomas am Mittagstisch mit ihrer Familie

«Was mich durch die schwierigen Monate nach der Diagnose getragen hat, waren vor allem meine Familie – mein Mann und meine drei Kinder – und meine besten Freundinnen und Freunde», sagt Cathomas. Hilfreich war für sie auch das Gespräch mit ihrem heutigen Hausarzt und einer anderen Betroffenen an ihrem Wohnort im bündnerischen Brigels. Ausserdem las sie in zwei Facebook-Gruppen von Betroffenen mit, um Tipps im Umgang mit der Krankheit zu erhalten. «Ich war vorher immer positiv eingestellt. Jetzt musste ich mich mental neu ausrichten, um auch mit der Krankheit wieder Lebensfreude zu finden», sagt Cathomas. Sie überlegte sich damals auch, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, fühlte sich dann aber mit ihren Sozialkontakten genügend aufgehoben.

Gegen die Schmerzen verschrieb ihr der Rheumatologe Medikamente, welche allerdings Nebenwirkungen verursachten und nicht sehr lange halfen. Die Schmerzschübe in den Gelenken und auch Muskeln häuften sich und waren zum Teil massiv. Eine wesentliche Besserung erfolgte zwei Jahre nach der Diagnose mit einem neu erhältlichen Medikament. «Ich hatte plötzlich keine Schmerzen mehr, benötigte ein Jahr lang kein einziges Mal zusätzlich Cortison», erinnert sich Cathomas.

Beflügelt davon versuchte sie die Medikamentendosis zu halbieren, worauf die Schmerzen bald zurückkehrten – und sie die Dosis wieder erhöhte. Seither hat sie zwar gelegentlich Rheumaschübe, diese sind aber nicht mehr so schlimm wie früher. «Ich werde für den Rest meines Lebens Arthritis haben. Aber wenn es so bleibt wie jetzt, kann ich damit leben. Denn ich bin heute kaum noch eingeschränkt in meinen Tätigkeiten», sagt Cathomas. Dabei hilft neben dem Medikament auch der gelegentliche Besuch einer Physiotherapie, Osteopathie oder Akupunktur.

Ich werde für den Rest meines Lebens Arthritis haben. Aber wenn es so bleibt wie jetzt, kann ich damit leben.

Rahel Cathomas, Betroffene von rheumatoider Arthritis

Rahel Cathomas auf ihrem Mini-Hoflader

Mit diesem Therapiemix kann die heute 52-Jährige einer Vielzahl von Tätigkeiten nachgehen. Sie ist Postauto- und Lastwagenchauffeurin, schreibt als Journalistin über Nutzfahrzeuge und hilft auf dem Bauernhof der Familie mit. Schon als Kind liebte sie Tiere und war fasziniert von Maschinen. Nach einer Ausbildung zur Landwirtin machte sie die Lastwagenprüfung. Im Stall und beim Heuen mithelfen macht ihr grossen Spass, ist aber auch körperlich belastend: «Ich bin manchmal schwierig zu bremsen, weil ich all die Arbeit sehe und mir diese auch Freude macht.» Was hilft: Vor einigen Jahren hat ihr die Invalidenversicherung einen Mini-Hoflader finanziert, mit dem Cathomas auf dem Bauernhof schwere Lasten transportieren kann – das ist etwa beim Ausmisten eine grosse Erleichterung.

Im Hintergrund lauern Ängste

Rahel Cathomas aus Brigels

Ängste im Zusammenhang mit Rheuma tauchen zwischendurch trotz der Besserung wieder auf, gerade bei einem Krankheitsschub: «Dann wird mir jeweils wieder bewusst, dass ich rheumatoide Arthritis habe.» Fragen, die sie dann quälen: Werde ich die Dosis des Medikaments eines Tages erhöhen müssen? Wird es gar seine Wirkung verlieren? Und welche Langzeitwirkung hat die Behandlung auf meinen Körper? Es sind Fragen, auf die es keine klaren Antworten gibt.

Gleichzeitig erinnern sie solche Ängste daran, etwas zu bremsen und auf ihre Gesundheit zu achten. «Letzten Winter habe ich eindeutig zu viel gearbeitet – das Resultat war eine Lungenentzündung », sagt sie. Sie muss immer berücksichtigen, dass die Medikamente ihr Immunsystem dämpfen und sie darum
anfälliger ist.

Auch Angst vor Unverständnis des Umfeldes war und ist für Rahel Cathomas immer mal wieder ein Thema:
«Für Aussenstehende ist es schwierig nachzuvollziehen, dass ich nicht dauernd Beschwerden habe. Ich mache oft anstrengende körperliche Arbeit, muss mich aber plötzlich auch wieder einmal schonen.» Meist erwähnt sie heute gar nicht mehr, dass sie Schmerzen hat, wenn diese einigermassen erträglich
sind.

Neues erleben

«Man kann die Ängste im Zusammenhang mit der Krankheit nicht verschwinden lassen. Aber ich habe gelernt, damit zu leben. Ich lasse nicht zu, dass sie mein Leben dominieren», sagt Cathomas. Vor allem wenn sie arbeite, sei sie so beschäftigt, dass sie nicht mehr an die Krankheit denke. «Ablenkung ist eine Art der Angstbewältigung für mich», sagt Cathomas. Gleichzeitig bewirke die Krankheit, dass sie bewusster lebe und das Leben geniesse.

Dazu gehört eine besondere Belohnung, die sie sich 2019 gegönnt hat: ein Ferienhaus in Schweden. «Im kalten Norden?», wunderten sich damals einige im Freundeskreis. Aber die Kälte wirkt sich nicht negativ aus, Rahel Cathomas zieht sich warm an und geniesst es. Acht bis zehn Wochen verbringt sie jährlich im Norden – es ist ihr Rückzugsort, um in der Natur zu sein, journalistisch zu arbeiten und das Ferienhaus zu renovieren. Der Zukunft schaut sie positiv entgegen: «Ich möchte noch vieles erleben.» So fährt sie neuerdings als Lastwagenchauffeurin nicht mehr für Grossverteiler Lebensmittel durch die Schweiz, sondern transportiert Formel-1-Rennwagen quer durch Europa zu Rennveranstaltungen. In Bezug auf ihr Rheuma hofft sie, die Medizin mache weiter Fortschritte. «Im bestem Fall findet man eines Tages Medikamente, welche an der Ursache der Erkrankung ansetzen.»

Postauto- und Lastwagenchauffeurin
Postauto- und Lastwagenchauffeurin
Rahel Cathomas in ihrem Ferienhaus in Schweden
Rahel Cathomas in ihrem Ferienhaus in Schweden

Zur Person

Rahel Cathomas wohnt in Brigels im Kanton Graubünden. Sie ist ausgebildete Landwirtin und Lastwagenführerin. Neben ihrer Tätigkeit als Postautochauffeurin und Journalistin hilft sie auf dem Bauernhof der Familie mit. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

Dieses Porträt wurde im Mitgliedermagazin forumR 2/2026 der Rheumaliga Schweiz publiziert. 
Text: Adrian Ritter
Fotos: Susanne Seiler