Wenn das Gesundheitswesen zum Flipperkasten wird

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Die Allianz Gesunder Kanton Bern hatte am 9. März 2026 zur Veranstaltung «Vision für eine menschenzentrierte, ganzheitliche Gesundheitsversorgung» geladen. Rund 70 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gesundheitswesen, dem Grossen Rat sowie der breiten Öffentlichkeit verfolgten im Hotel Bern das gemeinsame Referat von Oliver Strehle (Geschäftsführer fmc) und Gert Ulrich (Projektleiter Careum Stiftung) mit anschliessender Podiumsdiskussion. Über konkrete Lösungsansätze für eine bessere Vernetzung von Gesundheits- und Sozialsystem diskutierten nebst den Referenten Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung und Gesundheitswesen: Kristian Schneider (Stv. Direktor BAG, ehemaliger CEO Spitalzentrum Biel), Philipp Banz (Leiter Gesundheitsamt Kanton Bern), Manuela Kocher Hirt (Grossrätin Kanton Bern, Präsidentin Sektion Bern SBK) und Thomas Harnischberg (CEO KPT Mitglied Verwaltungsrat Insel Gruppe).

Zu Beginn des Abends zeigte das Referenten-Duo anhand eines Fallbeispiels auf, wie die 45-jährige Laura mit ihrem Bandscheibenvorfall im heutigen Gesundheitswesen von einer Stelle zur nächsten weitergereicht wird – wie eine Kugel im Flipperkasten: Apotheke, Hausarzt, Spezialist, Diagnostik, Akutspital, Rehabilitation und wieder von vorne. Eine zentrale Handlungsempfehlung des Policy Briefs von fmc und Careum lautet deshalb, an den Schnittstellen Koordinationsstellen einzurichten. «Es hat sich gezeigt, dass zwischen den verschiedenen Versorgungsstellen eine grosse Unkenntnis besteht – Stichwort Vernetzung», sagt Oliver Strehle.

Solche regionalen Koordinationsstellen sollten vorangetrieben werden, findet auch Philipp Banz. Wichtig sei jedoch, Doppelspurigkeiten zu vermeiden. «Es sind viele Projekte am Laufen und wir finanzieren teilweise mehrfach praktisch identische Vorhaben. Man könnte von einer ‘Überprojektitis’ sprechen», so der Leiter des Gesundheitsamts. Entscheidend sei, Kräfte zu bündeln, Brücken zu bauen und bestehende Initiativen besser zu vernetzen. Kristian Schneider verwies in diesem Zusammenhang auf das moderne Gesundheitszentrum «Maison de la santé» am Bahnhof Biel. Verschiedene Leistungserbringer an einem Ort zusammenzuführen erleichtere die Koordination der Versorgung erheblich. Grossrätin Manuela Kocher Hirt warnte davor, dass der Abbau sozialarbeiterischer Angebote häufig zu einer zusätzlichen Belastung der Pflege führt – eine Entwicklung, die sich etwa im Kontext von Inselspital und Universitären Psychiatrischen Diensten (UPD) gezeigt habe. Sie plädierte zudem dafür, die Früherkennung in verschiedenen Bereichen auszubauen, beispielsweise in der Jugendpsychiatrie.

Thomas Harnischberg betonte, dass es sowohl Pflege als auch Sozialarbeit brauche. «Es ist genug Geld im System – wir müssen die rund 100 Milliarden im Gesundheitswesen einfach sinnvoll einsetzen», sagte er. Entscheidend sei, dass Strukturen möglichst einfach gestaltet würden. Sein Appell: Die Administration um zehn Prozent reduzieren. «So können wir Effizienzgewinne erzielen, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen.» Julien Neruda, Vorstandsmitglied der Allianz und Geschäftsführer von Pro Senectute Kanton Bern, wagte eine zugespitzte Einschätzung: «Wenn wir pro Fall einen Franken in Sozialberatung investieren, sparen wir am Ende fünf Franken im Gesundheitswesen.» Das Fazit des Abends: In der Sache besteht weitgehend Einigkeit – offen bleibt jedoch weiterhin die Gretchenfrage der Finanzierung.



Die Allianz Gesunder Kanton Bern wurde 2019 von den Dienstleistungserbringenden im Gesundheits- und Sozialwesen des Kantons gegründet und setzt sich für eine ganzheitliche Gesundheits- und Sozialpolitik im Kanton Bern ein. Die Rheumaliga Bern und Oberwallis ist eine von zehn Mitgliederorganisationen.

www.allianzgesunderkantonbern.ch