«Männer warten oft zu lange – nicht aus Absicht»

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Männer sprechen Schmerzen häufig anders an als Frauen und suchen später medizinische Hilfe. Welche Folgen das haben kann, erklärt Rheumatologe Dr. med. Florian Winkler im Kurzinterview.

Rheumaliga Schweiz: Man sagt oft, Männer gingen erst zum Arzt, wenn sie «den Kopf unter dem Arm tragen». Kommunizieren Männer ihre Schmerzen anders? Wie gehen Sie als Rheumatologe damit um, wenn Patienten Beschwerden eher herunterspielen? Beobachten Sie bei Ihren männlichen Patienten tatsächlich eine spätere Diagnose im Vergleich zu Frauen?

Dr. med. Florian Winkler: Das Schmerzerlebnis kann interindividuell tatsächlich sehr unterschiedlich sein. Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab – auch unter Männern. Zum Beispiel fallen mir an meinem Arbeitsort in Bern auch regionale Unterschiede zwischen dem Emmental und der Stadt Bern auf. Dabei können Hilfsmittel in der Kommunikation, wie zum Beispiel die Frage nach der Durchführbarkeit bestimmter Tätigkeiten helfen («Wie geht es Ihnen mit dem Abschlagen beim Hornussen?»).

Der Zeitpunkt der Diagnosestellung hängt immer auch davon ab, wie stark man durch einen Schmerz oder eine Einschränkung geplagt oder verunsichert ist und wann man damit zum Arzt oder zur Ärztin geht. In diesem Punkt bestehen aus meiner Erfahrung tatsächlich eher gewisse geschlechtsspezifische Unterschiede, besonders bei der älteren Generation, bei der die Männer teilweise später zum Arzt gehen.

Rheumaliga Schweiz: Gibt es entzündlich-rheumatische Erkrankungen, die bei Männern besonders häufig auftreten oder sich klinisch anders äussern als bei Frauen? Inwiefern spielt das männliche Testosteron eine Rolle bei der Entstehung oder Unterdrückung von Entzündungsprozessen im Körper?

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Winkler: Es bestehen bei gewissen Erkrankungen geschlechtsspezifische Unterschiede. Bei Männern vermehrt treten z.B. die Gicht oder (leicht) die Spondyloarthritis («Morbus Bechterew») auf. Andere Erkrankungen aus dem rheumatologischen Formenkreis dagegen sind bei Frauen häufiger.

Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab, teilweise auch von den Hormonen, das Testosteron – wie auch das Östrogen – gilt als leicht entzündungshemmend, Muskel- und Knochen-stärkend, was sich mit dem Rückgang ab der zweiten Lebenshälfte bemerkbar machen kann.

Rheumaliga Schweiz: Der Morbus Bechterew (Axiale Spondyloarthritis) galt lange als «Männerkrankheit». Warum ist diese Diagnose für Männer nach wie vor ein so zentrales Thema im Bereich der Entzündungen?

Winkler: Das hat mehrere Gründe. Bei der klassischen Form der ankylosierenden Spondyloarthritis («Morbus Bechterew») erkranken weiterhin etwas mehr Männer als Frauen, etwa im Verhältnis 3 zu 2. Das könnte auch mit den diagnostischen Methoden zusammenhängen: Diese Form mit Tendenz zur Wirbelsäulenversteifung ist im Röntgen gut sichtbar und daher schon lange bekannt. Seit einigen Jahren gibt es jedoch eine zweite, nichtröntgenologische Form, die nur im MRI erkennbar ist und bei der Männer und Frauen gleich häufig betroffen sind. Dadurch hat sich das Geschlechterverhältnis insgesamt angeglichen und es stellt sich die Frage, ob Männer vor allem häufiger zur Einsteifung neigen.

Rheumaliga Schweiz: Männer definieren sich oft stark über ihre Leistungsfähigkeit. Welche speziellen Ängste begegnen Ihnen bei männlichen Patienten in Bezug auf den Beruf und die körperliche Belastbarkeit (bspw. auch beim Thema Sexualität)? Wie sprechen Sie diese oft schambesetzten Themen an?

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Winkler: Schwere körperliche Arbeiten werden häufiger von Männern ausgeführt, teilweise wird dies mit einer regulären vorzeitigen Pensionierung berücksichtigt. Trotzdem ist es so, dass es uns in der Schweiz mehrheitlich sehr gut geht und wir auch im höheren Erwerbsalter immer noch das Gefühl haben, wir seien knapp den 30ern entschwunden und noch zu allem fähig.

Die Muskelkraft schwindet jedoch – auch aufgrund des Testosteronrückgangs – nach dem 30. Lebensjahr. Dies ist bei einem körperlich anspruchsvollen Beruf, der nahezu unverändert bis ins Pensionsalter ausgeführt wird, zu beachten und mittels eines kräftigenden Trainings auszugleichen.

Auch die Sexualität ist von dieser Umstellung betroffen. Ich versuche, eine offene Haltung gegenüber all diesen Themen zu zeigen und eine direkte Ansprache kann dabei helfen.

Rheumaliga Schweiz: Chronische Entzündungen erhöhen bei Männern oft auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn Sie einem Mann über 40, der erste Gelenkschmerzen verspürt, eine Sache mit auf den Weg geben könnten, was wäre das?

Winkler: Das ist richtig. Eine entzündungshemmende Therapie zeigt bei chronischen entzündlichen Erkrankungen in den Studien eine Reduktion des kardiovaskulären Risikos. Dies erklärt einen Teil der mittlerweile nahezu unverminderten Lebenserwartung von rheumaerkrankten Menschen gegenüber der gesunden Bevölkerung. In meiner Sprechstunde ist das für mich daher ein wichtiger Punkt, um sich bei einer entzündlichen rheumatischen Erkrankung für eine immunsuppressive Therapie zu entscheiden.

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Hintergrundinformationen zum Experten

Dr. med. Florian Winkler ist Facharzt für Rheumatologie FMH sowie Allgemeine Innere Medizin FMH am Berner Rheumazentrum.

Er promovierte an der Universität Bern und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit muskuloskelettalen Erkrankungen, Bildgebung und modernen Behandlungsmethoden.

Dieser Text wurde in gekürzter Form im Mitgliedermagazin forumR 1/2026 der Rheumaliga Schweiz publiziert. Autorin: Vivian Decker

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