Nachdenkliche Frau
16.07.2026

«Wie Angst bei
chronischen
Erkrankungen helfen kann.»

Zwischen Sorge und Stärke: Angst aus dem Blickwinkel der Psychologie

Angst wird in der Gesellschaft primär als etwas Negatives empfunden und oftmals mit Schwäche assoziiert. Wieso Angst auch bei chronischen Rheumaerkrankungen etwas Positives sein kann, wie sich die Angst im Krankheitsverlauf verändert und wie die Psychotherapie wertvolle Hilfe in der Angstbewältigung leistet, erklärt Alexandra Drechsel, Fachpsychologin und Psychotherapeutin FSP am Universitäts-Kinderspital Zürich und bei der Rheumaliga Schweiz, im Expertinnen-Interview.

Frau Drechsel, wie reagieren Sie auf folgende Behauptung: Als Psychotherapeutin können Sie das Gefühl der Angst stets perfekt annehmen, integrieren und damit umgehen.

Alexandra Drechsel (schmunzelt): Diese Behauptung stimmt leider ganz und gar nicht. Ich würde mir wünschen, dass ich das könnte. Jedoch ist Angst eine sehr starke Emotion, die oft ohne Vorwarnung auftritt. Dann immer richtig zu reagieren und die passenden Strategien anzuwenden, die ich beispielsweise auch mit meinen Patient*innen bespreche, fällt auch mir nicht immer leicht. Auch ich kenne Angst. Ich denke aber, dass ich aufgrund meines Berufes und der damit verbundenen Erfahrung rascher darauf reagieren kann.

Was genau verstehen wir unter Angst?

Alexandra Drechsel: Angst ist keine «schlechte» Emotion im klassischen Sinne, sondern ein evolutionär bedingtes Überbleibsel, das ursprünglich eine wichtige Schutzfunktion hatte. Angst hat uns als Spezies geholfen, Bedrohungen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Sie war ein Überlebensmechanismus. In der heutigen Zeit können Ängste jedoch in Situationen auftreten, die keine tatsächliche Gefahr darstellen – etwa bei Prüfungsangst oder sozialer Angst. Hier kann die Angst dysfunktional sein und es ist unsere Aufgabe, diese Ängste zu verstehen und zu lernen, mit ihnen umzugehen, um sie nicht als hinderlich zu empfinden.

Angst kann die Funktion eines Kompasses übernehmen.

Welche Funktion erfüllt Angst im Kontext chronischer Erkrankungen wie Rheuma?

Alexandra Drechsel (betont): Gerade bei chronischen Erkrankungen kann Angst etwas Wichtiges sein. Sie hilft, die eigene Lebenssituation einzuordnen und die eigenen Ressourcen richtig einzusetzen: Angst kann hier die Funktion eines Kompasses übernehmen. Sie will uns nicht schaden, sondern uns eher unterstützen, auch wenn sie manchmal sehr laut wird und viel Raum einzunehmen droht.

Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?

Alexandra Drechsel: Eine betroffene Person hat Angst vor Schmerzen. Anstatt sich dieser Angst vollkommen hinzugeben und sich darin zu verlieren, lohnt es sich, hinzuschauen und sich zu fragen: Was will mir dieses Gefühl sagen? Wieso habe ich Angst? Muss ich meine Kraft und Energie besser einteilen? So betrachtet fungiert die Angst nicht als Gegner, sondern dient zur Orientierung. Das Positive darin zu sehen, ist nicht immer einfach, aber mit ein wenig Übung gelingt es immer besser.

Welche typischen Reaktionen und Ängste begegnen Ihnen in den Beratungen bei der Rheumaliga Schweiz bei Menschen direkt nach einer Rheuma-Diagnose?

Alexandra Drechsel: Meist ist es erstmals ein Schock. Wieso ich? Dennoch fühlt es sich mit einer Diagnose für viele Betroffene klarer an: Endlich wissen sie, was sie haben. Gleichzeitig kurbelt es auch das Gedankenkarussell im Kopf an: Werde ich weiterhin wie bisher arbeiten können? Was bedeutet das für meine Familie und mein soziales Umfeld? Werde ich Schmerzen und Einschränkungen haben? Diese Fragen können Angst auslösen. Die Angst vor dem Ungewissen wird dann durch Zukunftsund Versagensängste, Angst vor Schmerzen oder Nebenwirkungen abgelöst.

Warum ist diese erste Phase oft so überwältigend und von Kontrollverlust geprägt?$

Alexandra Drechsel: Weil sich ganz viel verändert – zumindest innerlich. Vorher gab es Beschwerden und Einschränkungen. Jetzt gibt es eine Diagnose, eine Krankheit mit einem Namen und damit viele Bilder und subjektive Vorstellungen im Kopf. Kontrolle gibt uns Sicherheit. Verändert sich das Leben jedoch so drastisch, scheint es, als ob uns diese Kontrolle entgleitet und somit auch ein Teil der Sicherheit wegbricht. Wir haben Angst, dieser Situation nicht gewachsen zu sein. Denn sie ist neu und unbekannt, und wir können auf keinen bestehenden Erfahrungsschatz zurückgreifen. Wir wissen (noch) nicht, wie wir damit umgehen sollen. Es fühlt sich an, als wäre man in einem neuen Leben gelandet, ohne Anleitung.

Ängste können ein Gedankenkarussell im Kopf auslösen.

Wie kann es Betroffenen gelingen, wieder Orientierung und ein Gefühl von Kontrolle zu finden?

Alexandra Drechsel: Ganz wichtig: Nicht alles auf einmal lösen wollen und versuchen, geduldig mit sich selbst zu sein. Viele haben das Gefühl, dass sie ihr ganzes Leben nach der Diagnose neu ordnen müssen. Das ist verständlich, aber damit verlangen sie oft zu viel auf einmal von sich selbst. In einem ersten Schritt kann es bereits helfen, sich fundiertes Wissen über die eigene Krankheit anzueignen.

Wie kann Wissen über die eigene Erkrankung denn unterstützen?

Alexandra Drechsel: Nehmen wir folgendes Beispiel: Die Neudiagnose Osteoporose löst bei einer Betroffenen die grosse Befürchtung aus, dass sie nun keinen Sport mehr machen kann. Im Gespräch mit ihrer Rheumatologin und mithilfe der Informationen auf der Website der Rheumaliga findet sie heraus, dass Bewegung und Sport sogar ein essenzieller Teil der Therapie bei Osteoporose sind. Kurzer Realitäts-Check: Hat sich ihre Befürchtung bewahrheitet, keinen Sport mehr machen zu können? Nein. Das Gefühl ihrer Angst selbst ist real. Aber die damit verbundenen Befürchtungen sind es in diesem Fall nicht.

Wie verändert sich Angst im Verlauf der Erkrankung von einer akuten Reaktion hin zu einer langfristigen Begleiterin?

Alexandra Drechsel: Am Anfang ist die Angst oft sehr laut. Viele offene Fragen sind teils omnipräsent. Mit der Zeit, dem neu gewonnenen Wissen und dem eigenen Erfahrungsschatz wird sie oft leiser, verklingt zu einem Hintergrundrauschen. Sie verschwindet jedoch nicht unbedingt. Viele Betroffene beschreiben diese Angst als Begleiterin und lernen mit der Zeit, sie im positiven Sinn zu nutzen, beispielsweise zum Schutz vor der eigenen Überforderung.

Betroffenenaustausch in Selbsthilfegruppen

Was raten Sie Betroffenen, die aufgrund einer chronischen Erkrankung grosse Zukunftsängste haben?

Alexandra Drechsel: Die Neubeurteilung der eigenen Zukunft und Lebenssituation aufgrund einer chronischen Erkrankung kann eine grosse Herausforderung sein. Hier rate ich, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Vielleicht merkt man so, dass man nicht allein ist und andere Betroffene die gleichen Ängste haben oder hatten und was sie dagegen unternommen haben. Natürlich kann auch die psychologische Beratung hier einen hilfreichen Beitrag leisten. Der erste Schritt in der Angstbewältigung ist es, diese zu benennen, darüber zu sprechen und zu reflektieren. Eine psychologische Behandlung macht
genau das und ist in erster Linie eine Investition in die eigene Person. Patient*innen lernen, achtsam und wertschätzend mit sich selbst umzugehen.

Finden Sie Selbsthilfegruppen in Ihrer Region. 

Das bedeutet, dass die psychologische Beratung etwas sehr Individuelles ist?

Alexandra Drechsel (lächelt): Genau, es gibt nicht einen «richtigen» Weg im Umgang mit den genannten Ängsten. Wichtig ist, dass sich Betroffene bei ihrer Psychologin oder ihrem Psychologen sicher und verstanden fühlen. So können Ängste sortiert, neue Perspektiven entwickelt und ganz konkrete Strategien für den Alltag erworben werden. Denn diese Strategien führen zu mehr Selbstwirksamkeit. Betroffene können selbst dazu beitragen, dass es ihnen besser geht. Sie sind ihren Ängsten nicht ausgeliefert.

Alexandra Drechsel

Alexandra Drechsel

Alexandra Drechsel ist gebürtige Österreicherin, in einer Partnerschaft und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Seit knapp zehn Jahren lebt sie am Zürichsee. Die studierte Fachpsychologin und Psychotherapeutin FSP arbeitet am Universitäts-Kinderspital Zürich und als psychologische Beraterin bei der Rheumaliga Schweiz.

Dieser Text wurde im Mitgliedermagazin forumR 2/2026 der Rheumaliga Schweiz publiziert. 
Interview: Daria Rimann