
Podcast: Angst bei Rheuma verstehen und besser damit umgehen
Psychologin Alexandra Drechsel vor dem Mikrofon
Angst gehört für viele Menschen mit Rheuma zum Alltag. Sie kann belastend sein, erfüllt aber auch eine wichtige Schutzfunktion, erklärt Alexandra Drechsel, Fachpsychologin und Psychotherapeutin FSP sowie psychologische Beraterin bei der Rheumaliga, in der neuen Podcastfolge von «Rheuma persönlich». Entscheidend sei, den Ängsten nicht zu viel Raum zu geben. Verlässliche Informationen, kleine persönliche Ressourcen wie ein Spaziergang oder ein warmes Bad und psychologische Unterstützung können dabei helfen. Anhand anschaulicher Beispiele zeigt die Episode, wie Ängste nach einer Diagnose entstehen, sich auf den Alltag auswirken und warum die Auseinandersetzung mit sich selbst eine Investition in die eigene Gesundheit ist.
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Angst hat eine wichtige Schutzfunktion
Angst fühlt sich oft unangenehm an. Trotzdem erfüllt sie eine wichtige Aufgabe: Sie schützt uns vor Gefahren und hilft uns, die eigenen Grenzen wahrzunehmen. «Angst ist in diesem Sinne ein eingebautes Alarmsystem, das uns grundsätzlich vor möglichen Gefahren warnt», erklärt Alexandra Drechsel. Gerade nach einer Diagnose ist dieses Gefühl oft besonders stark. Viele Betroffene wissen zunächst nicht, was auf sie zukommt und wie sich die Erkrankung auf ihr Leben auswirken wird. Gleichzeitig bringt die Diagnose auch Klarheit: Endlich gibt es eine Erklärung für Beschwerden, die oft schon lange belastend waren.
Mit der Zeit kann sich die Angst verändern. Aus einem grossen, diffusen Gefühl wird häufig ein innerer Kompass. Betroffene lernen, die Signale ihres Körpers besser einzuordnen und rechtzeitig auf sich zu achten. «Dieses Alarmsystem hilft uns beim Wahrnehmen: Der Körper sagt uns, das ist jetzt vielleicht ein bisschen zu viel», erzählt Alexandra Drechsel.
Wissen schafft Sicherheit
Gerade am Anfang tauchen viele Fragen auf: Wie verändert sich mein Alltag? Kann ich weiterarbeiten? Was bedeutet die Diagnose für meine Familie oder meine Zukunft?
Hier kann Wissen helfen. Alexandra Drechsel empfiehlt, sich gezielt zu informieren und auf vertrauenswürdige Quellen zu setzen. Die Website der Rheumaliga, Broschüren, Gespräche mit Fachpersonen oder der Austausch mit anderen Betroffenen können Orientierung geben.
Gleichzeitig rät sie davon ab, sich in unzähligen Informationen aus dem Internet zu verlieren. Entscheidend sei, bewusst auszuwählen, welche Informationen wirklich hilfreich sind.
Kleine Schritte
Nach einer Diagnose möchten viele Betroffene möglichst schnell alles richtig machen. Alexandra Drechsel empfiehlt stattdessen, sich Zeit zu geben. Körper und Gedanken brauchen Zeit, um sich an die neue Situation anzupassen.
Auch die eigenen Ressourcen spielen dabei eine wichtige Rolle. Das können ganz einfache Dinge sein, die im Alltag guttun: ein Spaziergang, ein warmes Bad oder eine Tasse Tee. Für schwierige Tage empfiehlt sie deshalb, sich bereits vorher eine persönliche Liste mit kleinen Hilfen aufzuschreiben. Wenn die Gedanken kreisen, fällt es oft schwer, spontan an solche Möglichkeiten zu denken.
Nicht jedem Gedanken gleich viel Gewicht geben
Ein weiterer Punkt, den Alexandra Drechsel anspricht, betrifft unsere Gedanken. Jeden Tag gehen uns unzählige Gedanken durch den Kopf. Viele davon wiederholen sich immer wieder. Und längst nicht alles, wovor wir Angst haben, tritt tatsächlich ein. Deshalb lohnt es sich, die eigenen Gedanken bewusst wahrzunehmen, ohne ihnen automatisch zu glauben.
Statt den Fokus immer wieder auf Sorgen zu richten, kann es helfen, auch darauf zu schauen, was bereits gelingt und Kraft gibt. Eine einfache Übung dafür kann sein: Am Abend an drei schöne Dinge denken, die an diesem Tag passiert sind, und drei Dinge, die man selbst gut gemacht hat und mit positiven Gefühlen darauf zurückblickt. So richtet sich der Blick stärker auf die eigene Selbstwirksamkeit.
Die Psychotherapeutin betont auch, dass es nicht darum geht, alles positiv zu sehen oder die Erkrankung schönzureden. «Man darf es auch doof finden. Und man darf auch sagen: Ich finde das jetzt überhaupt nicht toll», sagt Alexandra Drechsel.
Mit dem Umfeld umgehen
Nicht nur die Erkrankung selbst stellt Betroffene vor Herausforderungen. Auch Gespräche mit Familie, Freunden oder Arbeitskollegen können belastend sein. Alexandra Drechsel empfiehlt deshalb, sich zwei oder drei Sätze zurechtzulegen, mit denen man die eigene Situation erklären kann. Wer an einem Tag nicht über die Krankheit sprechen möchte, darf das ebenfalls sagen: «Du, heute ist nicht so ein guter Tag. Ich möchte heute nicht darüber sprechen.»
Unterstützung anzunehmen ist eine Investition in sich selbst
Psychologische Unterstützung kann in jeder Phase einer chronischen Erkrankung hilfreich sein. Die psychologische Beratung der Rheumaliga Schweiz ist ein niederschwelliges Angebot und bietet einen geschützten Raum, um Sorgen, Ängste und Fragen offen anzusprechen und gemeinsam nach passenden Lösungen zu suchen.
«Vielleicht ist der erste Schritt gar nicht die Angst loswerden, sondern sie ein bisschen besser zu verstehen», sagt Alexandra Drechsel. Und sie ergänzt: «Egal, ob man jetzt am Anfang steht mit einer Diagnose oder seit vielen Jahren mit der Erkrankung lebt: Unterstützung zu jedem Zeitpunkt kann hilfreich sein.»
Psychologische Beratung der Rheumaliga Schweiz
Alexandra Drechsel, Fachpsychologin und Psychotherapeutin FSP, unterstützt Rheumabetroffene dabei, die eigene Situation zu ordnen, Ressourcen zu erkennen und neue Wege im Umgang mit der Erkrankung zu finden.
Das kostenlose Gespräch dauert maximal 60 Minuten und richtet sich an frisch diagnostizierte oder länger erkrankte Rheumabetroffene sowie Angehörige.
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