Jetzt spenden

Fibromyalgie-Syndrom (FMS)

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) ist eine komplexe Multisystemerkrankung. Die Betroffenen leiden an diffusen chronischen Schmerzen und klagen über Erschöpfung, Schlafstörungen und eine Unzahl weiterer Beschwerden. Da eindeutige Befunde fehlen, erfolgt die Diagnose Fibromyalgie im aufwendigen Ausschlussverfahren. Bis zur Diagnose können fünf bis zehn Jahre verstreichen.

Über die Häufigkeit der Fibromyalgie existieren keine verlässlichen Zahlen. Die Schätzungen schwanken zwischen 0,5% und 5% der Bevölkerung. Frauen sind sehr viel häufiger davon betroffen als Männer. Man erkrankt daran in der Regel zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Der Altersgipfel der Fibromyalgie liegt zwischen dem 45. und 60. Lebensjahr. Jugendliche und Kinder erkranken daran nur sehr selten.

Ursachen

Die folgende Aufzählung möglicher Ursachen der Fibromyalgie umfasst einige exemplarische Erklärungsansätze. Womöglich rücken einige Puzzle-Teile künftig zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Bis dahin wird man die unterschiedlichsten Theorien gelten lassen müssen. Die Liste erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch nimmt die Rheumaliga Schweiz damit Stellung für oder gegen eine bestimmte Theorie.

Familiäre Häufungen deuten auf eine genetische Anlage zur Entwicklung der Fibromyalgie hin. Doch um die Schmerzerkrankung auszulösen, müssen zum ererbten Risiko weitere Faktoren hinzukommen.

Die Schmerztheorie deutet die Fibromyalgie als eine somatoforme Störung der Schmerzwahrnehmung und der Schmerzverarbeitung. Somatoforme Störungen lassen keine ursächlichen organischen Veränderungen erkennen. Im Falle der Fibromyalgie rühre die Störung von einer Unterproduktion der körpereigenen Schmerzhemmung oder von einem Absinken der Schmerzschwelle her. So bilde sich im Laufe der Zeit ein «Schmerzgedächtnis» (d.h. Schmerzempfindungen ohne auslösende Reize).

Viele Betroffene zeigen eine geringe Stresstoleranz, und manche Theorien zählen Stress zu den Auslösern und Risikofaktoren einer Fibromyalgie. Das Spektrum reicht von übermässigen körperlichen Dauerbelastungen bis hin zu verschiedenen Formen seelischen Stresses wie zum Beispiel schwere Beziehungskonflikte, Mobbing und Traumatisierungen. Die Stresstheorie identifiziert im Stress die eigentliche Krankheitsursache und deutet das Fibromyalgie-Syndrom als eine Stressverarbeitungsstörung, die häufig mit einer beeinträchtigten Schmerzverarbeitung zusammenhänge.

Seelische Faktoren spielen bei der Fibromyalgie eine unübersehbare Rolle. Viele Betroffene leiden an Depressionen, sind reizbar und finden keinen erholsamen Schlaf. Gemäss der psychosomatischen Theorie verbergen sich hinter dem vielgestaltigen Beschwerdenbild der Fibromyalgie im Kern bestimmte seelische Ursachen wie unverarbeitete Konflikte und traumatische Erlebnisse.

Eine neuere Theorie deutet die Fibromyalgie als eine Erkrankung der Mitochondrien, der «Energiekraftwerke» in den (Muskel-)Zellen. Zellstress mit vermehrter Stickstoffbildung setze einen biochemischen Teufelskreis in Gang, der wesentliche Stoffwechselprozesse in den Mitochondrien (Citratzyklus, Atmungskette) blockiere und damit eine ganze Reihe biochemischer Reaktionen auf System- und Organebene nach sich ziehe. So störe zum Beispiel die Überaktivierung spezifischer neuronaler Rezeptoren im Rückenmark und Zentralnervensystem die Schmerzverarbeitung (siehe Schmerzstörung).

Als Auslöser kommen dieser Theorie zufolge alle möglichen Faktoren in Frage wie Viren (z.B. Epstein-Barr-Virus), Bakterien (z.B. Borreliose-Bakterien), Toxine, Allergene, körperliche Traumata (z.B. Schleudertrauma, Kopfverletzungen) oder seelische Traumatisierungen.

Aus der orthomolekularen Medizin verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Fibromyalgie durch einen Mangel bestimmter Nährstoffe verursacht werden kann, wozu Selen, L-Carnitin, Coenzym Q10, Inosin, Magnesium und Vitamin B6 zählen.

Die Energieproduktion in den Zellen ist von diesen Nährstoffen abhängig. Fehlen sie in ausreichender Menge, so reduzieren sich zwangsläufig die Kapazitäten der mitochondrialen Energieproduktion.

Die Nährstoffmangel-Theorie verweist namentlich auf den Carnitinmangel vieler Betroffenen. Dieser vermindere die Zufuhr von Fettsäuren zu den Mitochondrien, die sie in Energie umsetzen. Die beeinträchtigte Fettverbrennung lasse sich biochemisch an einer Lipidvermehrung erkennen.

Die Übersäuerungstheorie lokalisiert die Ursache der Fibromyalgie im Bindegewebe (der extrazellulären Matrix). Jede Zelle ist von der gelartigen Grundsubstanz des Bindegewebes umhüllt, die das Umgebungsmilieu des «Urmeeres» aufrechterhält. Darin erfolgt der Stoffaustausch zwischen Zelle, Blut- und Lymphgefässen. Auch die Nervenfasern, die ja nicht in die Zelle hineinreichen, informieren sich im Bindegewebe über den Zustand der Zelle.

Darüber hinaus übernehme das Bindegewebe eine Funktion im Säure-Basen-Haushalt des Organismus: Seien dessen Ausscheidungs- und Pufferkapazitäten überfordert, lagere sich im Bindegewebe überschüssige Säure ab, neutralisiert zu löslichen Salzen. Diese Salze («Schlacken») würden lokale Nervenreizungen und minimale (im Blutbild nicht nachweisbare) Entzündungsreaktionen verursachen, wenn sie bei hoher Konzentration Kristalle bilden. Auf dieser Basis entwickle sich allmählich eine Fibromyalgie.

Als Übersäuerungsursachen gelten falsche Ernährung, Stress, schwere körperliche Belastung und Erkrankungen wie Borreliose oder Diabetes mellitus.

Symptome

Wer von Fibromyalgie betroffen ist, leidet unter chronischen, diffusen Muskelschmerzen am ganzen Körper, und zwar in Gelenknähe gleichzeitig auf beiden Körperseiten (links/rechts) oder in beiden Körperhälften (oben/unten): im Schultergürtel, im Rücken, im Becken und in Armen und Beinen.

Manche Betroffene vergleichen den Schmerz mit einem heftigen Muskelkater. Andere verwenden Bilder wie das eines schweren Mantels oder Panzers, der auf den Körper drücke, oder umschreiben die Schmerzen als «Migräne am ganzen Körper». In seiner intensiven Form wird der Schmerz als brennend, schneidend oder bohrend empfunden.

Als wären die chronischen Schmerzen nicht schlimm genug, plagen die Fibromyalgiker unzählige weitere Beschwerden wie zum Beispiel:

  • Schlafprobleme
  • chronische Tagesmüdigkeit, Erschöpfung
  • Leistungsschwäche
  • Morgensteifigkeit
  • Schwellungsgefühl im Gesicht und in den Händen
  • kalte Hände und Füsse
  • Wetterfühligkeit (Kälte, Nässe, Wind)
  • Kreislaufprobleme
  • Schwindelgefühl
  • Magen-, Darm- und Herzbeschwerden
  • Unterleibsbeschwerden (Blase, Menstruation)
  • funktionelle Atembeschwerden
  • Kribbelgefühl in Händen, Armen und Beinen
  • zappelige Beine (Restless-Legs-Syndrom)
  • migränoide Kopfschmerzen
  • Seh- und Hörstörungen
  • Hautprobleme
  • Fibro-Nebel («Mattscheibe»), Störungen der Konzentration und des Gedächtnisses (Namen vergessen, Wörter suchen)
  • Depression
  • Ängste

Diese Beschwerden müssen nicht alle und nicht alle gleichzeitig auftreten. Ohne ersichtlichen Grund können im Laufe der Zeit einige neue Beschwerden hinzukommen und andere sich zurückbilden.

Diagnose

Eine amerikanische Arbeitsgruppe veröffentlichte 2010 neue Kriterien für die Diagnose der Fibromyalgie. Sie setzen auf eine Befragung der Betroffenen mit dem Ziel, die Schmerzen in 19 definierten Körperregionen auf einer Skala zu erfassen («widespread pain index»). Ähnlich werden die übrigen Beschwerden auf einer Symptomschwereskala eingetragen («symptome severity scale score»).

Wiederholte Befragungen im Laufe von Monaten und Jahren erlauben es, die Entwicklung sowohl der Schmerzen wie auch der übrigen Beschwerden präzise zu verfolgen. Dies ist umso wichtiger, als sich die Fibromyalgie schleichend und unauffällig entwickelt.

Behandlung

Auch wenn die Fibromyalgie als «unheilbar» gilt, lassen sich die chronischen Schmerzen durchaus lindern und auch die übrigen Beschwerden mit einigem Erfolg behandeln. Die Leitlinien der Europäischen Rheumaliga und der Amerikanischen Schmerzgesellschaft empfehlen ein interdisziplinäres Programm aus dreierlei Therapieformen:

  • körperliche Aktivität und sportliches Training
  • psychologische und psychosomatische Therapie
  • medikamentöse Therapie

Sport bei Fibromyalgie? Viele Betroffene überfröstelt es allein bei dem Gedanken. Selbstverständlich kommen nur wenige Sportarten in Frage, und das Training ist den effektiven Möglichkeiten behutsam anzupassen. Dennoch: Sportliche Aktivitäten zahlen sich aus. Studien zeigen ermutigende Ergebnisse bei aerobem Ausdauertraining, besonders in Kombination mit leichtem Krafttraining und sorgfältigen Dehnübungen.

Viele Betroffene machen die besten Erfahrungen mit Ausdauersportarten wie Jogging, Radsport, Nordic Walking, Wandern, Schwimmen und Aqua-Jogging. Anfangs ist das Training mühsam, doch bei regelmässiger Übung entfaltet das Ausdauertraining schon bald eine Fülle positiver Wirkungen:

  • Stressabbau
  • weniger Schmerzen
  • geringere Tagesmüdigkeit
  • gesteigerte Belastbarkeit
  • mehr Wohlbefinden

Bewegungskurse der Rheumaliga

Manche bewegen sich lieber alleine, aber in der Gruppe und unter professioneller Leitung fällt es den meisten leichter. Der sanfte Gruppendruck wirkt motivierend und die Geselligkeit ansteckend – genau, was viele Betroffene brauchen. Die Rheumaliga Schweiz bietet eine breite Palette geeigneter Bewegungskurse. Wo und wann welche Kurse stattfinden, erfahren Sie bei der Rheumaliga in Ihrer Region oder bei den Fibromyalgie-Selbsthilfegruppen.

Von Physiotherapie bis Yoga

Zu den weiteren Körpertherapien, die bei Fibromyalgie guttun, zählen die Physiotherapie und die Ergotherapie, leichtes Stretching und sanfte asiatische Körpertrainingsformen wie Yoga und Tai Chi. Eine Studie aus dem Jahr 2010 hat nachgewiesen, dass Betroffene nach einem mehrwöchigen Yoga-Programm von einem signifikanten Rückgang der Schmerzen, der schmerzbedingten Depressionen und der Erschöpfung profitieren.

Thermotherapie

Manche Betroffene nehmen gerne Mineral- und Thermalbäder oder schwören auf Behandlungen mit Heilwasser, Moor oder Schlamm. Umgekehrt finden auch Kälteschocks ihre Anhänger. Ein Kurzbesuch in der Kältekammer (unter minus 100° Celsius) bringt die Schmerzen augenblicklich zum Verschwinden (wenn auch nicht dauerhaft) und soll biochemische und hormonelle Prozesse auslösen, die die Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen.

Alltägliche Aktivitäten

Jüngere Studien (seit 2010) zeigen verblüffende Ergebnisse: Schon ein ganz geringes Bewegungspensum zeigt messbare positive Auswirkungen. Kurze Aktivitätsphasen im Alltag wie Gehen, Spazieren, Treppensteigen, Velofahren, intensivere Arbeiten im Haushalt oder im Garten beeinflussen das Schmerzempfinden günstig und steigern das Wohlbefinden. Bewegungsmuffel, die partout keinen Sport treiben wollen, sollten unbedingt körperliche Alltagsaktivitäten in ihr Leben integrieren. Wichtiger als ein bestimmtes Training ist es, sich überhaupt zu bewegen.

Chronische Schmerzen beeinflussen unser Denken und Fühlen, wie auch umgekehrt Gedanken und Stimmungen auf unser körperliches Befinden und Empfinden einwirken. Das macht sich die psychologische Schmerztherapie zunutze und versucht, die Betroffenen anzuleiten, negative Denkmuster zu durchbrechen, den Schmerzen positive Empfindungen entgegenzusetzen, mit Stress, Problemen und Konflikten umzugehen und sich im Alltag Entspannungsinseln zu schaffen

Stopp dem Katastrophisieren

Unter dem Fachbegriff Katastrophisieren versteht man das Verhalten von Patienten, die Bedrohlichkeit von Schmerzen und Beschwerden zu überschätzen und gleichzeitig die eigenen Fähigkeiten zu deren Bewältigung zu unterschätzen. Die Betroffenen geraten in eine Spirale negativen Denkens, eben ins Katastrophisieren. Eine psychologische Therapie kann helfen, die negativen Denkmuster zu erkennen und das eigene Potenzial zur Bewältigung von Schmerzen zu entfalten.

Der medikamentöse Handlungsspielraum ist sehr eng. Kein Arzneimittel ist in der Schweiz oder der EU zur Therapie der Fibromyalgie zugelassen. Man behilft sich mit Schmerzmitteln oder Antidepressiva. Deren Erfolge sind bescheiden.

Die Europäische Rheumaliga (EULAR) mag gar kein Medikament zur Linderung von Fibromyalgie-Symptomen mit Überzeugung empfehlen. Halbherzig empfohlen werden nur gerade fünf Medikamente: Amitriptylin, Duloxetin und Milnacipran (Antidepressiva), Tramadol (ein Schmerzmittel) und Pregabalin (ein Medikament gegen die Epilepsie, das in den USA 2007 eine Zulassung zur Therapie der Fibromyalgie erhalten hat). Alle diese Medikamente haben ein beträchtliches Nebenwirkungsprofil.

Zur Linderung der mannigfaltigen Fibromyalgie-Symptome können verschiedene komplementärmedizinische Mittel und Verfahren beitragen. So ergab eine amerikanische Studie mit fünfzig therapieresistenten Fibromyalgie-Betroffenen eine deutliche Reduktion der Schmerzen, der Müdigkeit und der Angstgefühle allein durch Akupunktur-Behandlungen.

Auch physikalische Therapien mit Wärme oder Kälte sollen hilfreich sein ebenso wie Techniken zur körperlichen und geistigen Entspannung wie die Meditationstherapie, die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Übungen aus dem Qi Gong.

Darüber hinaus wird in der funktionalen oder komplementären Medizin eine Mitochondrien-Therapie empfohlen mit dem Anspruch einer Ursachenbehandlung der Fibromyalgie. Zu ihren wichtigsten Massnahmen zählen eine spezifische Ernährungsumstellung, die Zufuhr von Mikronährstoffen, ein Ausgleich des Säure-Basen-Haushaltes, eine Reduktion von oxidativem und nitrosativem Stress und die Ausleitung toxischer Belastungen.

Das Ziel dieser und weiterer Massnahmen besteht darin, die der Fibromyalige zugrundeliegende Schwächung und Störung der Mitochondrien zu kurieren.

Titel Broschüre "Fibromyalgie"

Weitere Informationen
Bestellen Sie die Broschüre «Fibromyalgie» im Shop.