Kinderrheuma: Formen und Anzeichen

Kleines Mädchen mit Sonnenbrille

Rheuma beschäftigt weit mehr ältere Semester als Junge, das gilt namentlich für den Abbau des Gelenkknorpels (Arthrose), für Kalkablagerungen in Gelenken (Pseudogicht) oder die schleichende Verminderung der Knochenmasse (Osteoporose). Solche degenerativen Erkrankungen brauchen naturgemäss Zeit, sich auszuprägen, und sind teilweise auch Folge jahrzehntelanger Lebensgewohnheiten.

Anders verhält es sich mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, die entstehen, wenn das fehlgeleitete Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Erkrankungen mit autoimmunen Zügen können Jugendliche, Kinder und sogar Kleinkinder betreffen.

Von 1000 Kindern erkranken in der Schweiz ein bis zwei an einer sogenannten juvenilen idiopathischen Arthritis. Rheumatische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind damit häufiger, als den meisten Menschen – auch Ärzten – bekannt sein dürfte. Bis zur Diagnose kann einige (wertvolle) Zeit verstreichen. Umso wichtiger ist es, frühe Anzeichen zu erkennen, die auf eine rheumatische Erkrankung hindeuten.

Anzeichen von Kinderrheuma

Zu den naheliegenden Anzeichen einer kindlichen Arthritis zählen Gelenkschmerzen, Gelenkschwellungen ohne bekannte Ursache (Schlag, Sturz), ein hinkendes Gangbild und seltener auch morgensteife Gelenke. Doch angesichts der Fülle rheumatischer Erkrankungen bei Kindern sind dies weder die einzigen noch eindeutige Zeichen.

Bei kleinen Kindern kommen zwei Schwierigkeiten hinzu. Geschwollene und überwärmte Gelenke lassen sich beim «Babyspeck» an Armen und Beinen gar nicht so einfach erkennen. Überdies beklagen sich die kleinsten Patienten am wenigsten über fortdauernde Schmerzen. Sie verfolgen unbewusst schmerzreduzierende Strategien (ausweichen, vermeiden, schonen). Deswegen ist es wichtig, nonverbale Signale wahrzunehmen und auffällige Verhaltensänderungen zu hinterfragen.

Hinken
Sind ein oder mehrere Gelenke der Beine oder der Füsse betroffen, beobachtet man häufig ein Schon- und Entlastungshinken.

Greifen, Stützen
Verdächtig sind auch ungewöhnliche Greifbewegungen und wenn sich ein Kind auf die geballte Faust stützt anstatt auf die offene Handfläche.

Schonen
Betroffene Kinder können in Ruhe ungewöhnliche Körperhaltungen einnehmen. Sie lassen z.B. das Knie in einer Beugestellung, statt das Bein locker auszustrecken.

Ein bisschen faul
Will ein Kind, das schon laufen kann, auf Spaziergängen und Einkaufstouren wieder getragen werden?

Weiche Nahrung
Verschmäht ein Kind Speisen, die kräftiges Beissen und Kauen erfordern (Brot, Fleisch), kann dies auf eine Entzündung der Kiefergelenke hindeuten.

Lange Morgentoilette
Eine Morgensteifigkeit bei kindlicher Arthritis kann dazu führen, dass betroffene Kinder und Jugendliche auffällig viel Zeit zum Zähneputzen, Frisieren und Ankleiden benötigen.

Formen von Kinderrheuma

Kinderrheuma ist nicht Erwachsenen-Rheuma in Kinderschuhen. Rheumatische Erkrankungen, die vor dem 16. Lebensjahr einsetzen, zeigen ein anderes Gepräge als vergleichbare Krankheitsbilder bei Erwachsenen und unterscheiden sich davon bezüglich Diagnose, Verlauf und Therapiemöglichkeiten.

Sie lassen sich grob in drei Gruppen gliedern.

Die häufigste Form kindlichen Rheumas ist die Gruppe der juvenilen idiopathischen Arthritiden (JIA). Je nach Anzahl betroffener Gelenke, zusätzlichen Krankheitszeichen ausserhalb der Gelenke und den ermittelten Laborwerten unterschiedet man verschiedene Untergruppen.

Bei der oligoartikulären JIA sind im Krankheitsverlauf maximal vier Gelenke betroffen. Bei den polyartikulären Formen entzünden sich innerhalb der ersten 6 Monate nach Krankheitsbeginn fünf oder mehr Gelenken. Bei den polyartikulären Formen unterscheidet man eine Rheumafaktor-negative und eine Rheumafaktor-positive Form.

Bei der systemischen juvenilen idiopathischen Arthritis (sJIA, früher auch Morbus Still genannt) entzünden sich nicht nur Gelenke, sondern sind in unterschiedlicher Ausprägung auch andere Organsysteme mitbetroffen. Zu den häufigsten Symptomen zählen ein charakteristischer Hautausschlag, eine Herzbeutel- und/oder Brustfellentzündung sowie eine Vergrösserung von Leber, Milz und Lymphknoten). Typischerweise haben Patienten mit einer sJIA vor allem zu Beginn der Erkrankung täglich hohes Fieber.

Weitere Formen sind die juvenile Psoriasis-Arthritis (Gelenksentzündungen plus Schuppenflechte) und die Enthesis-assoziierte Arthritis (Gelenksentzündungen plus Sehnenansatzentzündungen). 

Charakteristisch für einige Erscheinungsformen der JIA sind zusätzliche Augenentzündungen (Uveitis). Sie betreffen ungefähr 15% aller JIA-Patienten und machen regelmässige augenärztliche Untersuchungen nötig. Weitere Informationen zur JIA und ihren Erscheinungsformen finden Sie unter Rheuma von A bis Z.

Kollagenosen sind schwerwiegende rheumatische Systemerkrankungen. Die Entzündungszellen des fehlgeleiteten Abwehrsystems zielen dabei vor allem auf Gewebe ausserhalb der Gelenke. Sie betreffen je nach Krankheitsbild die Haut, innere Organe (Nieren, Herz, Lungen, Darm), die Muskeln, die Augen oder den Mundraum.

Bekannte Formen sind der systemische Lupus erythematodes (SLE), die Dermatomyositis, die systemische Sklerose und das Sjögren-Syndrom. Bei einer Kombination von Symptomen zweier oder dreier dieser Erkrankungen handelt es sich um eine Mischkollagenose. Alle diese rheumatischen Systemerkrankungen gibt es unter gleichen Namen auch bei Erwachsenen. Bei Kindern treten sie glücklicherweise sehr selten auf.

Attackiert das fehlgesteuerte Immunsystem die Wände der Blutgefässe, spricht man von einer Vaskulitis. Die betroffenen Blutgefässwände entzünden sich und schwellen an. Werden sie rissig, gelangen Entzündungszellen aus dem Blut in umliegendes Gewebe, wo sie weiteren Schaden anrichten.

 Es gibt viele verschiedene Formen der Vaskulitis von geringfügiger bis lebensbedrohlicher Ausprägung. Unterschieden werden sie nach Grösse und Art der betroffenen Blutgefässe.

  • Eine Vaskulitis der grossen Gefässe (z.B. Takayasu-Arteriitis) befällt vorrangig die Aorta (Hauptschlagader) sowie die grossen Arterien, die von ihr abzweigen.
  • Eine Vaskulitis der mittelgrossen Gefässe konzentriert sich auf die Arterien, die den Darm, die Nieren, das Herz oder das Gehirn versorgen (z.B. Polyarteriitis nodosa, Kawasaki-Syndrom).
  • Eine Vaskulitis der kleinen Gefässe erstreckt sich bis in die Kapillaren (z.B. Purpura Schönlein-Henoch).

Ausführliche Informationen zur JIA, zu Vaskulitiden und Kollagenosen lesen Sie auf der internationalen Website für Kinderrheumatologie, die von der Paediatric Rheumatology International Trials Organisation (besser bekannt unter dem Akronym PRINTO) und der Europäischen Gesellschaft für Kinderrheumatologie (PRES) unterhalten wird: Informationen zu rheumatischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen (PRINTO)

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